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02.03.2006 - 00:00:00

THOMAS ANDERS
Die CD "Songs Forever" im Test von Holger Stürenburg!

Das Album, das Thomas Anders mal ganz anders zeigt, kommt am morgigen Freitag (03.03.06) in den Handel!

Als irgendwann in den ausgehenden 70er Jahren der Koblenzer Abiturient Bernd Weidung von der unsäglichen Teeniepostille "BRAVO" zum "Boy des Jahres" gewählt wurde, konnte der schwarzhaarige Hübschling beileibe nicht erahnen, daß er nur eine halbe Dekade später ein äußerst bedeutsamer Part eines der weltweit angesehensten Popprojekte der 80er Jahre sein würde. Der 1963 geborene "Boy" Bernd nannte sich kurz nach seiner Kür "Thomas Anders" und nahm 1980/81 seine ersten deutschsprachigen Schlagersingles auf, während er ein paar Semester lang Germanistik und Musikwissenschaften an der Universität Mainz studierte. Produzent der frühesten Thomas-Anders-Ergüsse war ein junges Nordlicht namens Dieter Bohlen, das selbst ohne weiterreichende Folgen als "Steve Benson" englischen Pop trällerte oder mit der dreiköpfigen Formation "Sunday" Discoknaller von "Village People" bzw. Ricky King coverte. Bohlen galt in erster Linie als Produzent und Komponist, der seinerzeit für Schlagersänger wie Roland Kaiser oder Bernd Clüver bzw. Möchtegern-Rocker a’la "The Teens" tätig war. Er schrieb für Nachwuchsboy Anders z.B. die peppigen Popschlager "Endstation Sehnsucht, "Es war die Nacht der ersten Liebe", "Wovon Träumst Du denn (in seinen Armen)?" oder "Es geht mir gut heut Nacht" – traumhafter, synthilastiger Edelpop, der jedoch in seiner Gesamtheit schnurstracks an den Hitparaden vorbeimarschierte und inzwischen vollständig vergessen wäre, hätte nicht der Tötensener Tausendsassa Bohlen an seiner Entstehung mitgewirkt. Erst als Bohlen 1984 die Idee gebar, zeitnahe New-Romantic-Klänge mit coolen Disco-Rhythmen und eingängigen Melodien zu paaren, kam Anders zu seinem verdienten Erfolg. Bohlen ersann heutzutage längst in die Annalen des Pop eingegangene Eurodisco-Stomper wie "You’re my Heart – You’re my Soul" (1984), "You can win, if you want", "Cheri, Cheri Lady", (1985) "Brother Louie" oder "Atlantis is Calling (S.O.S. for Love)" (1986), arrangierte, inszenierte und vermarktete sie – Thomas Anders wurde in diesem Zusammenhange die Ehre zuteil, diese radikalen Ohrwürmer, denen ein besonderer künstlerischer Anspruch allerdings vollkommen abging, mit seiner sanften, aber sehr wandlungsfähigen Stimme zu veredeln. Ohne Anders’ gesangliches Zutun wären "Modern Talking" – so nannte Bohlen das von ihm angeregte Duo – niemals fünf europaweite Nummer-Eins-Hits hintereinander gelungen. Das ungleiche musikalische Paar polarisierte, wie kaum eine andere Popband des kühlen Dezenniums. Selbsternannte Intellektuelle lehnten die einfach gestrickten, untereinander sehr ähnlich klingenden, aber ungemein animierenden, lustvollen Discoschlager konsequent ab und ergossen Spott und Häme über die finanziell sehr ertragreiche Kooperation Bohlen/Anders, je mehr deren kommerzielle Reputation an Ausmaß gewann. Ein Redakteur des Fachmagazins "Musikexpress/Sounds" mußte für eine beleidigende Äußerung über Anders 25.000 DM Schadensersatz zahlen; die Hamburger Punkkapelle "Die Goldenen Zitronen" drosch ihre Gitarren und krähte dazu höhnisch "Am Tag, als Thomas Anders starb".

1987/88 hatte man sich (zunächst) an "Modern Talking" sattgehört, Nummer-Eins-Plazierungen weiterer LPs und Singles blieben aus, Bohlen schloß daraufhin von heute auf morgen seine musikalische Spielwiese. Während der Tötensener Partykönig mit "Blue System" weiterhin in den Hitparaden präsent blieb, konnte Anders, der sich nach der Trennung von seinem Förderer in amerikanisch geprägten Softpop-Gefilden versuchte, seine Soloambitionen wie z.B. die Singles "Love of my Own" (1989), "Can’t give you anything" (1991) oder "When will I see you again?" (1993) nur im unteren Mittelfeld der Charts unterbringen; an die rekordverdächtigen Dimensionen, deren Erreichung er mit "Modern Talking" regelmäßig gewohnt war, kamen seine solistischen Werke nicht mal in Nuancen heran. Die 90er Jahre verbrachte Thomas Anders fast ausnahmslos in der zweiten Liga... bis eines schönen Tages, Anfang 1998, Dieter Bohlen ein rasantes Revival von "Modern Talking" ausrief, sich wiederum mit Anders versöhnte, und die in den 80ern begonnene Hitserie nach rund zehnjähriger Unterbrechung anstandslos fortsetzte. Alte Hits in neumodischem Klanggewand, dancefloor-lastige Neukompositionen – CDs, auf denen der Name "Modern Talking" prangte, gingen auch zum Millennium weg, wie warme Semmeln. Doch 2003 kam es erneut zu Streitigkeiten zwischen den beiden passionierten Selbstdarstellern – "Modern Talking" war schleunigst wieder Vergangenheit; Bohlen und Anders sahen sich in der darauffolgenden Zeit meist ausschließlich vor Gericht. Der Ex-"Modern Talking"-Schmachter sammelte im neuen Jahrtausend erste Erfahrungen als TV-Moderator und Showmaster, kopierte auf seiner Solo-CD "This Time" nahezu eins zu eins den allgegenwärtigen Sound seiner Ex-Band; das Vorhaben, damit an alte Erfolge anknüpfen zu können, scheiterte, der Status von "This Time" verblieb unter ‚ferner liefen’. Ergo beschloß der zwischenzeitlich als Fernsehconferencier etablierte Pianist und Sänger, sich umzuorientieren und einen stilistischen Wandel zu vollziehen...

In den letzten Jahren probierten immer mehr Stars und Sternchen aus den unterschiedlichsten Genres der Populärmusik, sich Swing, Big Band Sound und Jazzigem zu öffnen. Robbie Williams, Bryan Ferry, Nina Hagen, Cindy Lauper, Paul Anka, Karel Gott, Wencke Myhre, gar der dackeläugige Schlagerfuzzel Patrick Lindner veröffentlichten – mit stark divergierendem Erfolg – Alben oder Samplerbeiträge im großorchestralen Klanggewand der 40er und 50er Jahre. Auch Thomas Anders überlegte im Sommer 2004, sich für eine Plattenlänge schwülstigem Swing, properem Bossa Nova und typisch amerikanischem Crooner-Style zuzuwenden. Keine traditionellen Swing-Standards wollte er hierfür nutzen, sondern unverwüstliche Pop-Evergreens aus den 80er Jahren, jener Ära, die ihn "wie keine zweite geprägt hat" (Zitat). Er lud Freunde zu sich ein und erörterte mit denen, welche 80er-Perlen er sich für die Umsetzung seines Vorhabens vornehmen solle. Bald standen zwölf allseits bekannte Songs fest, die oft aus den verschiedensten musikalischen Ecken stammten. Gemeinsam mit seinem langjährigen Arrangeur Achim Brochhausen, den Erfolgsproduzenten Reinhard Besser und Peter Ries ("Bro*Sis", "No Angels", Sandra, Xavier Naidoo), sowie mit Instrumentalisten der Warschauer Symphoniker und des Filmorchesters Babelsberg, spielte er so seine aktuelle CD "Songs forever" ein, die am 3. März 2006 bei EDEL Records, Hamburg, veröffentlicht wird.

Verkaufsträchtiger Aufhänger der durchwegs ernsten, reifen, erwachsenen, aber zugleich überaus verträumten und hochemotionalen Songkollektion ist die selbstverfaßte Ballade "Songs, that live forever". Dieser an den bombastischen Romantic-Pop der britischen Band "Wet Wet Wet" gemahnende Pianoschleicher soll es seinem Interpreten ermöglichen, Deutschland 2006 beim "Eurovision Song Contest" zu vertreten. Im Rahmen einer großen Fernsehshow am 9. März diesen Jahres wird Anders seinen Titel dort in Konkurrenz zu Schlagerchanteuse Vicky Leandros und der augenzwinkernden Country-Combo "Texas Lightning", begründet von TV-Komödiant Ollie Dittrich, vorstellen, und mit etwas Glück vielleicht im Mai zur europäischen Endausscheidung nach Athen fahren können. Neben diesem mutmaßlichen Singlereißer, präsentiert Anders auf "Songs forever" dem geneigten Hörer ein Dutzend 80er-Hits, die häufig kaum wiederzuerkennen sind, zwar in erster Linie von Anders’ schmusig-weicher Soulstimme leben, aber darüber hinaus in den meisten Fällen zusätzlich mit gewagten, mutigen, außergewöhnlichen Arrangements aufwarten. Der in seiner Urform grausliche Dancefloor-Stampfer "Tell it to my Heart" etwa, 1988 ein Top-10-Hit für US-Sangesmaus Taylor Dayne, wird aller nervtötender Rhythmisierung beraubt und erfährt als einschmeichelnde Softpopballade eine nicht für möglich gehaltene Wiedergeburt in bester Ausprägung. Nicht weniger bumbum-orientiert zeigte sich 1989 das platte Disconümmerchen "All around the World" von Lisa Stansfield – im neuerschaffenen Bossa-Nova-Umfeld entfaltet der einstige Tanzsaalfüller ungeahnte Qualitäten. Das 1981 von Sheena Easton bekannt gemachte James-Bond-Thema "For you Eyes only" verharrt im knisternd-balladesken Kontext, gewinnt aber, Dank der intensiven Intonation durch Thomas Anders, immens an Spannung, Leidenschaft und Ausdruck; die von Van Morrison verfaßte und von Rod Stewart in die Charts geführte Kuschelnummer "Have I told you lately?" legt an Ruhe, Relaxtheit, Coolness und Gemütlichkeit zu und vermittelt den Eindruck, als sei sie eigentlich schon um 1955 herum ein Hit für Bing Crosby oder Perry Como gewesen. Von einem dunkel-tristen Synthipop-Schmankerl mutiert Cliff Richards 87er-Hymne "Some People" zu einer entspannten, sonnigen Feierabenduntermalung. Gänzlich nicht mehr wiederzuerkennen ist die einst so dröge Hardrock-Ballade "Is this Love?", im Original von "Whitesnake", die bei Anders zwar keineswegs zu einer süßlichen Schnulze, sondern viel eher zu einem naiv-fragenden Liebesgeständnis wird. Eine gute Portion erotischer Verruchtheit bekommt fingerschnippend das "Eurythmics"-Synthidrama "Sweet Dreams (are made of this)" verabreicht. Nicht viel Neues bieten, dafür aber stets freundlich-sympathisches Großstadtambiente verbreiten Anders’ swingende Neuaufnahmen von z.B. "Arthur’s Theme (Best, that you can do)" (Christopher Cross), "Do you really want to hurt me" ("Culture Club") oder "True" ("Spandau Ballet"). Schlußendlich erweist der Frauenschwarm aus Rheinland-Pfalz seinen legendären Anfängen bei "Modern Talking" gutwillige Referenz, indem er aus deren erstem und größten Hit "You’re my Heart – You’re my Soul" einen kraftvollen Mid-Tempo-Swing zaubert. Anders’ uninspirierte, einlullende Version von Rick Astleys 1990er-Pseudosoul "Cry for help" beweist dagegen, daß das Flair, die Persönlichkeit und das musikalisch Gespür des Koblenzers trotz allem nicht dazu ausreichen, aus einem von Haus aus schrecklichen Song einen einigermaßen erträglichen zu gestalten.

Alles in allem ist "Songs forever" ein weitgehend genußvoll anzuhörendes Album geworden, das bei einem nächtlichen, winterlichen Kaminfeuer genauso seinen Charme versprüht, wie an einem lauen Sommerabend auf einer lauschigen Gartenbank. Thomas Anders ist den großen, unzerstörbaren Kompositionen in ihrer Mehrzahl gut gewachsen. Er verleiht ihnen zumeist eine eigenständige, persönliche Note, mutet ihnen zudem durchaus einschneidende Veränderungen zu, ohne jedoch ins Parodistische, womöglich Verspottende abzugleiten. Sein Beitrag zur Grand-Prix-Vorentscheidung fällt gegenüber den 80er-Evergreens aber merklich ab und erreicht niemals deren musikalisches Niveau.

Gesamtnote: 2-3

 

 


 

Quelle: Holger Stürenburg, 27./28. Februar 2006

 

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