10.09.2007 - 00:00:00
PURPUR
Note "1" von Holger Stürenburg für das Album "Versuchung"!
Mit vollster Wucht zwischen alle Stühle, setzt sich das Thüringer Duo "PURPUR", bestehend aus Sabine Müller (voc) und Steffen Zickenrott (b, key, voc), einst noch als Quartett unterwegs, mittels seiner brandneuen Silberscheibe "Versuchung", die am 07. September 2007 bei DA-Music veröffentlicht wurde. Anhänger klassischer deutscher Popklänge der 80er Jahre dürften sich an den 15 Liedern der rund 60minütigen CD ebenso delektieren, wie beinharte "Rosenstolz"-Fans, für Neues, nicht Alltägliches offene Schlagerfreunde oder sogar tolerante, weitblickende Protagonisten der derzeit immer stärker aufblühenden Gothicszene.
"Versuchung" läßt sich, rein stilistisch betrachtet, in keinerlei Schubladen einpferchen. Während darauf in musikalischer Hinsicht überwiegend freigeistig, genreübergreifend experimentiert wird, sind die vom Duo selbstverfaßten Texte ausnahmslos im romantisch/melancholisch/mystischen Spektrum angesiedelt.
Drei Titel aus "Versuchung" wurden in den letzten Monaten bereits als Vorboten in Form von Radio-Maxis ausgekoppelt, und entpuppten sich, mehrheitlich bei ostdeutschen Rundfunkstationen, nicht selten als regelrechte Dauerbrenner. Hier wäre zunächst der lyrisch sehr kryptisch ausgestaltete Gitarrenrocker "Ich lieb Dich (nicht nur diesen Sommer)", in Sachen Arrangement von ferne an "U2" aus ihrer "Joshua Tree"-Phase (1987/88) gemahnend, zu nennen. Ein eingängiger, treibender Ohrwurm, mit liebenswerten Widerhaken ausgestattet.
Als Radiosingle Numero Zwei fungierte die eher stille, intime, spätherbstlich-melancholisch anmutende Gefühlselegie "Rosen unterm Eis", die auf "Versuchung" – als Bonustrack - in einer rein akustischen Fassung zum Tragen kommt.
Als größter Erfolg im Rundfunkwesen dieses unseren Landes erwies sich zuletzt "Frühlingsmond", eine äußerst faszinierend arrangierte Mid-Tempo-Arie, die in den Strophen meist zurückhaltend, introvertiert instrumentiert wurde, wogegen "PURPUR" Refrain und Bridge mit lauten Gitarren und breiten Streicherwällen unterlegten, um das sympathische Klangdrama, Dank eines trefflichen Bluesharp-Solos, in einem drastischen "Wall of Sound" enden zu lassen.
Zeitgleich mit der Albumveröffentlichung, gehen "PURPUR" mit dem (anfangs nur unterschwellig) rockig-treibenden, sich dann aber immer mehr zu einem phonstarken Rockkracher auslebenden, auswachsenden, "musikalischen Wintermärchen" (Zitat – "PURPUR") "Königin aus Eis" singletechnisch an den Start: Ein perfekt austariertes Popkleinod, das, Gothiclastiger inszeniert, mit einiger Sicherheit zum Kulthit der "Schwarzen Szene" avancieren könnte.
Doch auch die anderen Beiträge auf "Versuchung" sind wahrlich nicht von ohne. Rasant, aufmunternd, im wahrsten Sinne des Wortes "aufweckend", wirkt der Eröffner "Weck mich auf" auf den geneigten Hörer – wobei "PURPUR" hierzu anmerken, daß eben jene Aufnahme, die allerletzte war, die in den Studiosessions zu vorliegender CD eingespielt wurde und nun, dem zum Trotz, als Einleitung von "Versuchung" ausgewählt wurde.
Gleichfalls recht rockig ausgefallen ist "Wolkenreiter", die wohl persönlichste Stellungnahme von "PURPUR" überhaupt: Im Juni 2002 verstarb der Vater von Band-Mastermind Steffen Zickenrott "unverhofft und viel zu früh", wie er im CD-Beiheft zu Protokoll gibt. Trotz des traurigen Anlasses, widmeten Sabine und Steffen dessen Vater eine ungewohnt optimistisch und lebensfroh aus den Boxen dringende Rockhymne namens "Wolkenreiter", die auf herausragende, überaus respektvolle Art und Weise den zutiefst tragischen Textinhalt konterkariert – und somit Herrn Zickenrott sen., wo immer er jetzt auch sein mag, bestimmt eine weitaus größere, echtere, überzeugendere Freude bereitet, als wenn sie ihm zu Ehren eine radikal depressive, übertrieben betroffene Ballade ersonnen hätten. Bei der Interpretation von "Wolkenreiter" wurden "PURPUR" gesanglich übrigens von dem umtriebigen "DDR"-Liedermacher Tino Eisbrenner begleitet – nachdem das Projekt auf seinem Debütalbum "Lebenszeichen" (2005) bei der schönschaurigen Düsterballade "Die Erinnerung" bereits von einem weiteren Prominenten – NDW-Ikone Hubert Kah – als Duettpartner unterstützt worden war. Im mittleren Tempo verbleiben dagegen der nicht weniger aufwühlende, konstruktive, optimistische Rocksong "Phönix aus der Asche", sowie der sommerlich-luftige Gitarrenpopper "Laß mich Deine Wolke sein".
Traditionelle, wenn gleichsam durchwegs zickig, exzentrisch, alles andere als konventionell dargebotene Pop/Rock-Balladen machen allerdings den überwiegenden Teil der Tracklist von "Versuchung" aus. Bei den meisten derer standen eindeutig und unüberhörbar "Rosenstolz" Pate. Im nahezu klassisch ausgekleideten Schleicher "Dieses Lied" versucht "PURPUR"-Frontfrau Sabine sogar, manch stimmliche Phrasierung von AnNa R. zu kopieren – dies gelingt ihr zwar hinreißend gut, läßt aber ab und zu jene Eigenständigkeit, die Frau Müller sehr wohl besitzt, schmerzlich vermissen.
Frau R. und ihr kreativer Partner/Gegenpart Peter Plate dienten vermutlich auch bei "Rosenstolz"-ähnlichen Titeln der Sorte "Schmetterlinge" (besticht durch vertrackten Rhythmus und leicht soulige Anklänge), "Engel im Wind" (mit einem, im traditionellen Popbusiness nicht gerade üblichen Akkordeon-Intro versehen) oder "Stille Wasser", einer extremst ruhigen Ballade, die beinahe einen sakralen Eindruck hinterläßt, als Ideengeber.
Schlußendlich sollen an dieser Stelle zwei Titel besonders gewürdigt werden, die womöglich zum Besten, Innovativsten und Imposantesten gehören, was die einheimische Popszene anno 2007 bislang zustandegebracht hat.
Der Titelsong von "Versuchung" entstand, laut Band, zu einer Zeit, als sich "PURPUR" auf einem kreativen Tiefpunkt befanden und kurz davor waren, alles hinzuschmeißen und ihr gemeinsames Projekt nach nur einem Album zu beenden. Doch gerade dieses hymnische, überdeutlich (und sicherlich beabsichtigt) an den wehenden US-Melodic-Rock der 80er, an die emotionale Tiefe, etwa von "Fleetwood Mac" oder gar der eines Bruce Springsteen, erinnernde, tönende Überlebenselixier zeigte sich als konsequenter Muntermacher, "Mutmacher" (Zitat: Band), der dafür sorgen sollte, daß sich Sabine und Steffen nochmals zusammenrauften und einen erneuten musikalischen Versuch in Angriff nahmen, weshalb diese fetzige Rocknummer auch zum Motto und Überthema ihres CD-Zweitlings auserkoren wurde. Letztlich ist es keine Übertreibung, wenn man die These aufstellt, "Versuchung" ist das persönliche "Born to Run" von "PURPUR".
Neuzeitliche Weihnachtslieder gibt es fraglos viele. Doch meist entstammen diese der traditionellen Schlagerszene oder sind im Bereich der Volkstümlichen Musik anzusiedeln. Daß es sich überzeugte Deutschpopper, jenseits aller Schlagerklischees, zur Aufgabe gesetzt haben, ein weder schlagerhaftes, noch volkstümliches, geschweige denn mährig-altertümliches, aktuelles Weihnachtslied vorzulegen, ist eine absolute Seltenheit. Dem Verfasser dieser Zeilen fällt diesbezüglich eigentlich ausschließlich Klaus Lages verträumt-kritische "Weihnachtszeit" aus dessen 1985er-Album "Heiße Spuren" ein – aber dies ist nun mal schon 22 Jahre her.
"PURPUR" haben 2007 eine wahrlich traumhafte, winterlich-weihnachtliche Ballade auf "Versuchung" untergebracht. "Schnee fällt" vermittelt punktgenau intim-verliebte Heiligabendstimmung und kann – vielleicht nicht kommerziell, aber zweifellos qualitativ – die Chance für sich in Anspruch nehmen, als "Deutsche Antwort auf "Wham’s" "Last Christmas"" in die Annalen der teutonischen Pophistorie einzugehen.
"Versuchung" ist niemals eine Produktion zum Nebenbeihören. Der interessierte Musikfreund ist daher gehalten, sich dieses so vielfältige, wie gleichfalls fest in sich geschlossene Opus sehr intensiv, ohne jegliche Scheuklappen und Vorurteile, zu Gemüte zu führen. Die einzelnen Songs laden ein, sich – sozusagen – direkt und ohne Umwege in sie hereinzuhören, hineinzufühlen, und gerade jene Stimmungen nachzuempfinden, die "PURPUR" mit ihren zierlichen Exponaten ausdrücken möchten.
Künstlerisch stellt "Versuchung" auf jeden Fall einen Höhepunkt des bisherigen deutschen Poplebens 2007 dar. Die Frage ist nur, ob es für "PURPUR" zugleich auf dem schnellebigen Markt des Heute und Hier eine reelle Chance gibt, sich durchzusetzen und auch dort jene Reputation einzufahren, welche die beiden exzellenten Pop-Querköpfe bei "uns Nischenhörern" längst erzielt haben. Der Verfasser dieser Zeilen, der sich im Zuge seiner Arbeit für diese Rezension in die klanglichen und lyrischen Welten von "PURPUR" geradezu "verliebt" hat, möchte dem Duo ganz persönlich raten, auf künftigen Alben durchaus in Richtung der gedeihenden Gothicbewegung zu blicken. Für dieses Kundensegment wären natürlich ganz andere, mal härtere, mal mystischere Soundkleider nötig – die Songs/Kompositionen/Texte per se aber beinhalten bereits jetzt alles Notwendige, um "PURPUR" eines Tages in jenem "weltanschaulichen" Umfeld einen guten, gerne dauerhaften Platz verschaffen zu können.
Gesamtnote: 1
Quelle: Holger Stürenburg, 06./07. September 2007
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