23.11.2007 - 00:00:00
PETER KRAUS
Die CD "Vollgas" im Test von Holger Stürenburg!
2004 startete der ewigjunge Sunnyboy PETER KRAUS, nach einigen magereren Jahren, ein fundamentales Comeback: Auf bislang zwei CD-Alben und einer Live-DVD präsentierte der heute 68jährige Urmünchener seine liebsten Rock’n’Roll-Standards der 50er und 60er Jahre, mit englischen Originaltexten, und mittels des authentischen Equipments jener wilden Ära neu eingespielt. "Rock’n’Roll Is Back" (2004) und "I Love Rock’n’Roll" (2006) erwiesen sich als immense Erfolge, auch im kommerziellen Sinne. Beide CDs erinnerten in Würde gereifte Zeitzeugen an ihre Jugend zwischen Adenauer, Wirtschaftswunder und Kuba-Krise, und überzeugten zugleich viele Nachgeborene davon, daß Rockmusik nicht erst mit "Tokio Hotel" begonnen hat.
Obwohl Peter Kraus zuletzt überwiegend die Meinung vertrat, authentischen Rock’n’Roll könne man eigentlich nur auf Englisch vortragen, erwuchs in ihm im Laufe der vergangenen Monate eine wahrlich genialische Idee: Er plante, seine Favoriten dieses Genres endlich einmal unpathetisch und ehrlich auf Deutsch zu interpretieren. So setzte er sich an seinen Schreibtisch, warf die angloamerikanischen Originale auf den Plattenteller – und verfaßte zu insgesamt 21 immergrünen Rock’n’Roll-Evergreens – weitgehend – perfekte muttersprachliche Reime.
Dieses so gewagte, wie überaus faszinierende Projekt kam vor wenigen Wochen unter dem Titel "Vollgas!" (KOCH/Universal) im CD-Format auf den Markt – und befindet sich seitdem auf dem besten Wege, teutonische Musikgeschichte zu schreiben.
Der Untertitel von "Vollgas", "Rock’n’Roll-Klassiker... endlich auf Deutsch", trifft zwar nicht vollständig den Kern der Sache, da einige der von Kraus neubereimten Stücke schon seit Ewigkeiten auch und gerade im muttersprachlichen Kontext bekannt sind; dennoch schaffte es der sympathische Allroundkönner mehr als häufig, vielen alterwürdigen Standards durch eben jene, brandaktuelle deutsche Lyrik neues Leben einzuhauchen.
Wie gleichsam bei den beiden eingangs erwähnten englischgesungenen Produktionen, standen für "Vollgas" wiederum die fähigsten und legendärsten Studiomusiker der Republik bereit: Prof. Peter Weihe (git) und Prof. Anselm Kluge (b) lehren an der Hamburger "Hochschule für Musik und Kunst", Schlagzeuger Prof. Curt Cress war mehr oder minder auf jeder relevanten Deutschrockscheibe der 80er und 90er Jahre zu hören, und Pianist Günther "Breakdown" Brackmann zählte zwischen 1980 und 1998 zu Hamburgs imposantester, wie auch sagenumwobenster Rhythm’n’Blues-Band "B. Sharp" (die nun, bitte, bitte, ENDLICH ihre seit Herbst diesen Jahres angekündigte Wiedervereinigung realisieren sollte!!!).
Mit diesen unzweifelhaften Profis im Rücken, spielte Peter Kraus eine knapp einstündige CD ein, die das Rock’n’Roll-Gefühl der 50er/60er Jahre naht- und problemlos ins neue Jahrtausend transferiert, ohne daß dieses jemals altbacken, angestaubt oder gar anachronistisch ertönt.
Sicherlich ist Kraus nicht der geborene Lyriker, trotzdem vermochte er es ein ums andere Mal, seinen "musikalischen Jugendfreunden" enorm ansprechende Texte zu verabreichen. Ob es nun unbedingt nötig war, Elvis’ "Devil in Disguise", nach der bereits 1963 durch Rex Gildo zum Hit erhobenen deutschen Fassung "Du bist kälter noch als Eis", mit nur in Nuancen veränderten Textworten zu "Leider kalt wie Eis" umzufunktionieren, bleibt natürlich genauso fraglich, wie die Tatsache, daß Peter den Randy-Randolph-Boogie "Perculator" nun als "Ich will keinen Porsche Turbo" reanimierte – und dies, obwohl letztlich ausschließlich Trude Herrs "Deutsche Originalaufnahme" dessen unter dem Titel "Ich will keine Schokolade (ich will lieber einen Mann)" auf Ewig und unwiderruflich in die hiesige Pophistorie eingegangen ist.
Davon abgesehen aber, hat Kraus wahrhaftig eine profunde Arbeit abgeliefert, die immer dann am besten, intensivsten und spannendsten erklingt, wenn der gestandene Altrocker ironische, oft gar latent sarkastische Momente in seinen Werken aufblitzen läßt.
"Go, Billy, Go" ("Johnny B. Good”) etwa parodiert auf schier diabolische Weise das tumbe Treiben einer Teeniepop-Combo namens "Peking Hotel”… "Total Normal” ("Skinny Minnie”) setzt sich, mit phänomenalen Wortspielereien bestückt, mit der Vorliebe einer frühreifen Schülerin für extrem knappe Miniröcke auseinander, hoch erotisch (aber niemals vulgär) wird es dagegen in "Zieh doch endlich Deine Jeans aus” ("See you later, Alligator”).
Als ein weiterer spezifischer Höhepunkt von "Vollgas!" ist die deutsche Auslegung von Dion DiMuccis "The Wanderer" anzusehen, im Rahmen derer Peter mit ungewohnt deftiger Wortwahl in die Rolle eines erbarmungslosen Frauenverschleißers steigt ("Der Anmacher").
In thematischer/inhaltlicher Hinsicht halten sich die meisten anderen Beiträge des hier vorgestellten Albums mehrheitlich im romantisch-liebevollen ("Bleib so wie Du bist"/"Shake, Rattle and Roll", "Nimm mich in den Arm"/"Take me in your Arms", "Was ich fühl"/"To know her is to love her", "Im Abendrot"/"Twilight Time") bzw. herrlich ironischen, überkandidelten ("Du bist der Wahnsinn"/"C’mon Everybody", "Was mach ich bloß"/"Mean Woman Blues", "Meine Schicki-Micki-Maus"/"The Hippy Hippy Shake") Gefühlskontext auf, oder sie repräsentieren pure Partylaune ("Tutti Frutti", "Total K.O."/All Shook up", "Samstag Nacht"/"Rip it up").
Peter Kraus und seinen unschlagbaren Mitstreitern gelang es ohne Frage, das unvergleichliche Rock’n’Roll-Feeling von Anno dazumal überzeugend, ehrlich und gleichermaßen unspektakulär ins Jetzt und Hier zu überführen, wozu selbstverständlich in erster Linie die kesse deutsche Betextung, ebenfalls aber auch die originalgetreue musikalische Umsetzung jener Gassenhauer beigetragen haben.
Natürlich haben schon unzählige einheimische Rock- und Popgrößen, von Udo Lindenberg über Ted Herold bis "BAP" oder (wie beschrieben) Rex Gildo, den Rock’n’Roll amerikanischer Prägung BRD-kompatibel ausgestaltet. Peter Kraus war aber nun mal einer der allerersten, der – seinerzeit mit Neukompositionen – diese fetzige Stilistik hierzulande etabliert hat. Und dies zu einer Zeit, als viele Spießbürger den Rock’n’Roll noch als "Hoffentlich vorübergehenden Spuk" bezeichneten oder gar als "Negermusik" degradierten. Somit ist dem Vollblutmusiker durchaus zuzustimmen, wenn er sich noch heute als "Pionier" (Zitat) auf seinem Gebiet fühlt. "Vollgas!" legt darüber in phantastischer Ausprägung eindeutig Zeugnis ab!
Gesamtwertung: 2plus
Quelle: Holger Stürenburg, 21./22. November 2007
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Kommentare:
04.12.2007 14:00:47
CD \
Der alte und doch jung gebliebene alte Haudegen Peter Kraus zeigt all den möchtegern Stars und im TV gekürten sogenannten Superstars wie man eine richtige erstklassige CD einsingt und produziert. Jeder Titel ist ein wahrer Leckerbissen und Ohrenschmaus. Zugegeben.....uns ältere Musikfreunde erinnert diese CD an unsere Jugend und Drangperiode. Aber wer diese Musik hört ist sogleich fasziniert von der Power die in jedem Lied steckt. Eigentlich allein schon die Begleitband ist ein Schmankerl für sich. Nix da mit Computermusik sondern echte handgemachte Studiomusik mit exzellenten Musikern....solche Musik wünsch ich mir viel mehr und die CD ist jedem Musikfan bestens zu empfehlen.
Danke Peter Kraus für diese exzellente und tolle CD !!!
Erwin Vollmer
geschrieben von: Erwin Vollmer
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