12.02.2008 - 00:00:00
NICOLE
Ihr neues Album "Mitten ins Herz" im Test von Holger Stürenburg!
Rund vier Jahre sind inzwischen vergangen, seit sich die Saarbrücker Schlagersängerin NICOLE in aller Freundschaft von ihren bisherigen Produzenten, dem legendären Münchener "Schlager-Dreamteam" Ralph Siegel/Dr. Bernd Meinunger, verabschiedete, um, gemeinsam mit Giorgio und Martin Koppehele, zu neuen (musikalischen) Ufern aufzubrechen.
Es gab seinerzeit nicht wenige Skeptiker, die auf die scheinbar ewig gültige Faustregel "Never Change a Winning Team" schworen und die mittelblonde Powerfrau in eine ungewisse Zukunft schlittern sahen. Hatten doch Großmeister Siegel und sein langjähriger Haus-und-Hof-Lyriker Dr. Meinunger rund ein Vierteljahrhundert lang regelmäßig hervorragende, oft nahezu einzigartige Kompositionen für Nicole ersonnen und mittels dieser eine Vielzahl immergrüner Schlagerklassiker erschaffen, ohne diese unsere Jugend in den 80er und 90er Jahren um ein Vielfaches langweiliger und ärmer gewesen wäre.
Doch bereits "Alles fließt", Nicoles erste klangliche Stellungnahme im Rahmen ihrer Post-Siegel-Ära, strafte die meisten Kritiker Lügen – und "Mitten ins Herz", das am 08. Februar 2008 erscheinende, brandaktuelle Werk der 43jährigen Mutter zweier Kinder dürfte nun auch den allerletzten Zweifler davon überzeugen, daß die Nicole des Jahres 2008 wahrhaftig die beste Nicole seit langem ist.
In kongenialer Kooperation mit Giorgio, Suna, Gaby und Martin Koppehele, sowie ihrem Arrangeur und Gitarristen Armin Pertl, verfaßte Nicole ad Personam zwölf eingängige, kesse, offensive Popschlager zwischen feschem Disco-Fox, Frohsinn stiftendem Reggae, elitärem Pop und sensibler Ballade, mit ein paar sachten Einflüssen von Hip Hop oder Gospel verfeinert. Diese wohlschmeckende Melange wurde luftig locker umgesetzt, modern und "Up to Date" inszeniert und durchaus mit zeitnahen Stilelementen angereichert, die zwar eindeutig neues Jahrtausend sind, aber zu keinem Zeitpunkt, nicht eine einzige Sekunde lang, "nerven" oder gar auf uns Alt-Fans von Nicole fragwürdig bis womöglich abstoßend wirken.
Jeder einzelne Titel steht unverbrüchlich für sich, besitzt eloquente Hitqualitäten. Es findet sich kein einziger Durchhänger auf vorliegender, knapp 55minütiger Silberscheibe.
Sogleich der Eröffner und Titelsong, "Mitten ins Herz", zielt bereits nach den ersten Takten, direkt und unverblümt mitten dorthinein: An einem grauen Novembertag spielten sicher bestimmt schon viele Menschen aus purer Langeweile, Ödnis, Depression und Schlechtwetterstimmung mit dem Gedanken, einfach so aufzugeben und sich gehen zu lassen. Doch, manchem derer dürfte es, vielleicht gerade eben inmitten des tristen, dunklen Spätherbstes, immer wieder passiert sein, daß sie plötzlich und unerwartet ihre große Liebe kennenlernen, die umgehend Frühlingsgefühle in das allherbstliche Totensonntagsambiente trägt.
Ein Klasse Song mit einem wundervollen, gehaltvollen Textinhalt, der, als erste Promo-Auskoppelung, die Radiostationen dieser Republik in Futuro garantiert gehörig durcheinanderwirbeln dürfte.
Eine liebevolle, einwenig selbstironisch untermauerte Reminiszenz an die Jugend der hübschen Saarländerin zur Dekadenwende 70er/80er Jahre, stellt die fetzige, tanzbare Up-Tempo-Nummer "Liebe im Überfluß" dar. Der erste Kuß, verschämte Kino-Kuscheleien, knisternde Lagerfeuerabende mit "Streets of London" auf der Wandergitarre, rockige Disconächte mit Lionel Richies' "All Night long", Rockhämmern von "Fleetwood Mac" oder der "Little River Band" – lyrische Träume, die in dem Resümee (wem Nicoles persönliche Biographie soweit bekannt ist, erkennt gerade in diesem Text viel Autobiographisches) gipfeln, daß die Erste Liebe aus den frühen 80ern zugleich die Letzte und Ewige im Leben der niemals abgehobenen und durchwegs familienorientiert handelnden Popchanteuse blieb.
Hymnisch, aufmunternd, mutmachend, zeigt sich der Geradeaus-Ohrwurm "Ich schwöre", der sich auf die Sekunde in genau nur vier Minuten von einem poppigen Discoschlager zu einem realen Gospel auswächst, der in fröhlichen, ausgelassenen "Live im Studio"-Chören seinen so absoluten, wie absolut trefflichen Höhepunkt findet.
Der Rezensent erinnert sich an einen – für damalige Verhältnisse – äußerst hocherotisch ausgerichteten Werbespot für ein Duschgel, im Zuge dessen zur Jahreswende 1985/86 eine Frau ohne jegliche Unterwäsche, ausschließlich mit einem engen T-Shirt bekleidet, durch einen strömenden Regenschauer joggte... dieser TV-Spot kam mir umgehend in den Sinn, als ich dieser Tage den aktuellen Nicole-Titel "Naß bis auf die Haut" erstmals vernahm: Eine junge Frau eilt, trotz prasselnden Regensturms, zu ihrem Liebsten, und schämt sich ganz und gar nicht, "Naß bis auf die Haut" in dessen Wohnung anzukommen, um ihn dort, total durchnässt, in die Arme schließen zu können.
Ein weiterer potentieller Hit auf "Mitten im Leben" ist der leger-flockige Reggaeverschnitt "Du bist der Sommer". Hierin geht es um eine verliebe Urlaubsreise nach Italien, verpackt in liebenswerte Worte, gepaart mit einer zurückhaltenden, gleichermaßen aber sofort in die Beine gehenden Melodie, die den interessierten Zuhörer von einer Sekunde auf die andere vergessen läßt, daß wir uns momentan mitten im Schmuddelwetter des ausgehenden Winters befinden – und es noch ein Weilchen dauert, bis der Sommer, nicht nur emotional, sondern auch kalendarisch ausgebrochen ist.
Wenn die Ariola klug ist, koppelt sie gerade diesen wunderbaren Titel, so Ende Mai/Anfang Juni 2008, aus hier analysierter CD aus – und schon besteht eine enorme Chance, daß Nicole mit "Du bist der Sommer" DEN Sommerhit diesen Jahres abliefert!
Ebenso zum Tanzen und Träumen laden die schnellen, rasanten (optionalen) Schlagerpartyreißer "Wunderbar", die nächtlich-feudale Discoode "Bittersüß" oder die rhythmisch vorantreibende Nachtleben-Elegie "Mich hält nichts mehr hier" ein.
Philosophisch-introvertiert dringt die Hip-Hop-Ballade "Ich will mein Leben zurück" aus den Boxen. Sicherlich kein Lied, kein Text zum Nebenbeihören – aber, stattdessen umso mehr eine grundehrliche Aufnahme von Nicole, die in erster Linie zum Mitfühlen, denn zum Mithotten lockt, und den Rezensenten ganz entfernt, aber unüberhörbar, an Falcos 1998er-Jahrhundertklassiker "Out of the Dark" gemahnt.
Im eher balladesken, gemächlichen Kontext verbleiben dagegen z.B. das nachdenkliche Popchanson "Setz mit mir die Segel" oder der aufgedonnerte Schleicher "Ich geh’ nicht ohne Dich".
Eine der erfolgreichsten Rockbands der 70er und 80er Jahren waren zweifelsohne "Manfred Mann’s Earth Band". Die größten Hits dieser – z.B. "Blinded by the Light" (1976), "Davy’s on the Road again" (1977), "Lies (through the Eighties)" (1980), "Do anything you wanna do" (1986) etc. u.v.a. – lebten überwiegend von der so kraftvollen, wie einfühlsamen Stimme eines Mannes: Chris Thompson, zeitweiliges und Immer-wieder-mal-Mitglied der "Earth Band” um den aus Südafrika stammenden, verschmitzten Keyboarder und Tastenzauberer Manfred Mann, trug mit seinem Organ die Hauptverantwortung dafür, daß diese und andere Titel längst zu unzerstörbaren Gassenhauern des Classic Rock avanciert sind.
Was hat Chris in den letzten Jahren, Jahrzehnten nicht alles gemacht... Er unterstützt bis heute häufig Manfred Mann, nahm famose Solo-LPs auf (z.B. "The High Cost of Living", 1986), sang die englische Version der zweiten "Tabaluga"-Folge von Peter Maffay ein ("Tabaluga and the Magic Jade Stone", 1988), ließ sich ein Jahr später in unsägliche Mainstream-Gefilde herab ("The Challenge", 1989); er stellte zudem seine phänomenale Stimme für lasche TV-Musik ("Florida Lady", 1994) zur Verfügung und überraschte 2001 mit der knochentrockenen Hardrockplatte "Won’t lie down". Erst Anfang 2006 sah der Rezensent Thompson, solo zur Gitarre, bei einem "Geheimgig" im Hamburger "Downtown Bluesclub" ‚live’ – wo er, dann höchst offiziell, zwei Monate wiederum als Frontmann der "Erdentruppe" erneut gastierte.
Nun geschah das schier Unglaubliche: Schlagerlady Nicole und "Altrocker" Chris Thompson betraten gemeinsam ein Tonstudio, um für "Mitten ins Herz" ein zwar gewagtes, aber durch und durch gelungenes Duett einzusingen: "Don’t let the Sun go down on me", im Frühsommer 1974 ein konsequenter Top-Hit für Elton John, findet sich als (erster) Bonustrack auf Nicoles aktueller Produktion – zwei unterschiedliche Stimmen zweier divergenter Stilistiken treffen aufeinander und harmonieren von einer Sekunde auf die andere in geradezu genialischer Art und Weise.
Ein herrlicher "Crossover"-Zwiegesang, der eindeutig belegt, daß plumpes "Schubladen-Denken" – "Schlager" versus "Classic Rock" – vollkommen Fehl am Platze ist, und hoffen läßt, daß von nun an viele andere Interpreten, die man gemeinhin dem Genre "Schlager" zurechnet, auch jetzt und in Zukunft immer wieder versuchen, die medial auferlegten (bei genauerem Hinsehen jedoch äußerst dümmlich-dämlichen) Grenzen zu sprengen, und sich für den einen oder anderen Song auch mal in völlig anderen musikalischen Richtungen umzusehen. Hut ab, liebe Nicole – Ich hoffe, ganz persönlich, sehr, daß Dein Beispiel Schule macht. Und dies sage ich als Fan von Dir, wie von Chris gleichermaßen!
Wer nach Track 13 – ergo: "Don’t let the Sun go down on me" – sogleich die CD dem Spieler raubt, verpaßt etwas ganz besonderes. Denn als sog. "Hidden Track" gibt es ganz zum Schluß von "Mitten ins Herz" eine nur per Akustikgitarre begleitete Ballade "Ich bin Dein Lied" zu hören, die diesem grandiosen Album einen alles andere als alltäglichen, aber fraglos passenden, intelligenten Abschluß gibt.
"Mitten ins Herz" ist nicht mehr und nicht weniger als ein früher Höhepunkt des Schlagerjahres 2008. Zwölf unterschiedlichste Kompositionen, die trotzdem wie aus einem Guß wirken, sämtlich Hitpotential aufweisen – und unwiderruflich belegen, daß Nicole und ihr neues Produzententeam nun endgültig zusammengewachsen sind!
Gesamtnote: Bestwertung
Quelle: Holger Stürenburg, 05./06. Februar 2008
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Kommentare:
12.02.2008 20:45:34
Nicole die Grosmeisterin des Deutschen P
Auch ich habe mir diese CD gekauft! Und war vom ersten Moment an hin und weg von der Genialität dieser Produktion! EInmalig!!! Würde behaupten von den 25 veröffentlichten CD's bestimmt eine der bessten, wenn nicht sogar die besste!
Inteligent arrangiert und DIe Melodiene eingängig und gefällig und so facettenreich eingesungen! Einfach toll toll toll!!!
geschrieben von: tommy m
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