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24.10.2006 - 00:00:00
KLAUS HOFFMANN
Die D-CD "Wenn uns nur Liebe bleibt – Klaus Hoffmann singt Jacques Brel – live" in der Kritik von Holger Stürenburg!
Der 1978 verstorbene, aus Belgien stammende Liederschreiber Jacques Brel gilt nicht nur als die Ikone des französischen Chansons schlechthin, sondern auch als einer jener Künstler, deren Kompositionen bis heute überaus gerne und oft von Kollegen aller musikalischen Schattierungen bearbeitet, übernommen, neu interpretiert werden. Die edlen Popentertainer Mort Schuman und Scott Walker in den 60er Jahren, Ein-Hit-Wunder Terry Jacks, Rockchamäleon David Bowie oder das Wiener Original Michael Heltau in den 70ern, der britische Popzyniker "Momus", Synthipop-Spezialist Marc Almond oder Bayernlegende Konstantin Wecker in den 80ern, Hip-Hop-Poet Xavier Naidoo oder die sämige Boygroup "Westlife" im Hier und Jetzt – all diese extrem unterschiedlichen Vertreter der Stilform der Populärmusik (und noch viele, viele mehr) versuchten sich mindestens einmal im Zuge ihrer Karriere an einem Chanson des kettenrauchenden Belgiers.
Hierzulande gilt seit fast 30 Jahren der Urberliner Sänger, Schauspieler und Liedermacher KLAUS HOFFMANN als begabtester, beliebtester, ehrlichster Brel-Interpret. Dies liegt sicherlich zum einen daran, daß der augenzwinkernde Kiez-Chansonnier nicht nur ein ums andere Mal selbst die französischen/flämischen Vorlagen seines Idols kongenial ins Deutsche übertrug, sondern auch daran, daß Hoffmann letztlich Brel in aller Form lebt, in dessen Liedern aufzugehen, sie in sich aufgesogen zu haben scheint.
Immer wieder tauchten auf frühen LPs des mehrfach ausgezeichneten Multitalents muttersprachliche Auslegungen von Brel-Standards auf, bis sich Hoffmann vor rund zehn Jahren dazu entschied, ein vollständiges Album, ausschließlich mit von ihm sprachlich bearbeiteten Klassikern des singenden Geschichtenerzählers aus Schaarbeek/BL zu veröffentlichen, was zugleich in ein hochspannendes Musical namens "Brel – Die letzte Vorstellung" mündete, welches im Juni 1997 im Berliner Schillertheater seine Welturaufführung erlebte.
Damals hatte der Topchansonnier aus der einstigen Mauerstadt 16 Songperlen seines großen Vorbildes in großorchestralem Klanggewand, unter der Leitung von niemand geringerem, als Jacques Brels persönlichem Orchesterchef Francois Rauber, eingesungen und eingespielt – eine prächtige Liedersammlung voller Wucht, Heftigkeit, und Ausdruckskraft, die wiederum ein überwältigender Erfolg für Hoffmann wurde.
Nachdem der 55jährige zuletzt eher "vergangenheitsbewältigende" (Zitat) CD-Produktionen mit vollständig eigenen Kreationen, sowie zwei semi-autobiographische Romane vorgelegt hatte, durchzog ihn plötzlich der "völlig kopflose Wunsch" (Zitat), sich erneut Jacques Brel – immerhin Leitbild und erträumter musikalischer "Ziehvater" seit seinem 16. Lebensjahr – zu widmen.
Gesagt, getan – Anfang 2006 arrangierte Hoffmann über 25 unvergeßliche Werke des segelohrigen Chanson-Großmeisters in traditioneller Bandbesetzung – Piano, Gitarre, Baß, Schlagzeug, Akkordeon – und führte dieses brillante Programm am 10. Juni diesen Jahres im Rahmen einer Veranstaltung des WDR in Köln einem hingerissenen Publikum vor. "Wenn uns nur Liebe bleibt – Klaus Hoffmann singt Jacques Brel – live" (Stille-Music/Indigo) lautet nun der Titel einer dabei mitgeschnittenen Live-Doppel-CD des grandiosen Brel-Proklamators aus Berlin, die am 13. Oktober 2006 veröffentlicht wurde.
Nahezu zwei Stunden lang kämpft sich darauf der stimmstarke Ewigkeits-Geheimtip durch stille, in sich gekehrte ("Die Alten", "Das Lied der alten Liebenden", "Der unmögliche Traum"), deftige, laute, auftrumpfende ("Die Spießer"), verliebte ("Die Vornamen von Paris, "Madeleine", "Mathilde", "Wenn uns nur die Liebe bleibt"), sozialkritische ("Bei diesen Leuten", "Der Säufer", "Die ohne Hoffnung sind"), skurril-makabere ("Jef", "Totentango", "Die Bonbons"), swingende ("Wenn die Flämin tanzt", "Die Stadtmauer von Warschau", "Der Walzer der tausend Takte"), witzige ("Rosa"), lokalpatriotische ("Marieke", "Mein Flandernland"), wehmütige ("Bitte geh nicht fort", "Adieu, Emile" - puristischen Popfreunden besser bekannt als "Seasons in the Sun", gesungen von bereits erwähntem Terry Jacks) Adaptionen des unerreichten Jacques Brel – wahnsinnige, genialische, hochemotionale Sichtweisen von zickigen, kantigen Melodien aus dem unerschöpflichen Fundus von Hoffmanns mutmaßlich engstem Seelenverwandten.
Absolute Höhepunkte der hervorragend austarierten und inszenierten Revue sind fraglos die verwegen-hoffnungslose Sozialstudie über das Leben und Sterben in den Kais von "Amsterdam", der hocherotisch-schwülstige, geradezu dralle, zündend explosive "Knokke-le-Zoute-Tango" und selbstverständlich die eigentlich jedem Musikkenner, der etwas auf sich hält, geläufige Moritat von "Jacky", dem großen, unangreifbaren Star, der so unendlich gerne, wenigstens für nur eine einzige Stunde lang, wieder ein kleiner, bedeutungsloser Barmusiker in einer verräucherten Vorstadt-Spelunke wäre, ohne, daß die überdimensionale Weltkarriere jemals lockte...
Vorliegende Live-Doppel-CD strotzt nur so vor Energie, Originalität und Intensität. Sie stellt eine Art "Brel – unplugged" dar. Im Herbst/Winter diesen Jahres wird Klaus Hoffmann in NOCH entschlackterer Form mit seinem phantastischen Brel-Songzyklus auf Tournee gehen. Dann begleitet ihn ausschließlich, pur und ungeschminkt, sein langjähriger Pianist Hawo Bleich - und es ist davon auszugehen, daß dem stets sympathisch wirkenden Idealisten K.H. auch auf seiner kommenden Konzertreise nicht die Ideen ausgehen werden, sich und seine schier unbeschreiblichen Interpretationen der großartigsten Arbeiten von Jacques Brel gebührend darzustellen, sie elektrisierend zu zelebrieren und mit viel Respekt zu würdigen!
Gesamtnote: 1
Quelle: Holger Stürenburg, 21./22. Oktober 2006
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