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13.02.2008 - 00:00:00
HAINDLING
Die 3-CD-Box "Lang scho nimmer g’sehn" in der Kritik von Holger Stürenburg!
Eigentlich wollte der im niederbayrischen Haindling ansässige Keramik- bzw. Töpfermeister Hans-Jürgen Buchner das Musizieren ausschließlich "nebenbei", ergo als nettes Hobby, ohne weitere, geschweige denn kommerzielle Ambitionen pflegen. Geboren am 27. Dezember 1944 in Bernau bei Berlin, zog es ihn und seine Eltern kurz darauf nach Regensburg, wo Buchner nach der Schule eine Keramiklehre ablegte. Er erhielt mit 21 Jahren seinen Meisterbrief ausgehändigt, gewann schnell Reputation in diesem künstlerischen Metier, und wurde 1978, gemeinsam mit seiner damaligen Freundin und heutigen Ehrefrau, Ulrike Böglmüller, sogar mit dem Bayerischen Staatspreis für Keramik ausgezeichnet.
Immer wieder jedoch absolvierten Buchner und seine Liebste – in rein privatem Ambiente – musikalische Auftritte, bei denen die beiden traditionelles bayerisches Volks- und Brauchtum mit Pop- und Ethnoklängen aus aller Welt verbanden.
1982 lernte der kauzige Niederbayer den meist volltrunkenen Bluesshouter Kevin Coyne kennen, der sich umgehend äußerst angetan von Buchners "Ton-Kunst" zeigte und Verbindungen zur Hamburger Schallplattenfirma Polydor herstellte. In den Großen Bleichen (also, dem damaligen Sitz von Polydor) war man ebenfalls überwältigt von Buchners so schrullig-hinterfotzigen, wie hochintelligent-vielfältigen Klangkonstrukten.
Es entstand das von Buchner und Böglmüller im Alleingang bestimmte Projekt "Haindling", benannt nach jenem niederbayerischen Dörfchen in der Gemeinde Geiselhöring, in dem das kreative Paar inzwischen seßhaft geworden war.
Die erste "Haindling"-Produktion – schlicht "Haindling I" betitelt - war eiligst im Kasten; es folgten erste Rundfunkeinsätze und nur wenig später der allseits begehrte "Deutsche Schallplattenpreis". Damit war endgültig besiegelt, daß Hans-Jürgen Buchner nicht mehr "nur so nebenbei" musikalisch tätig sein konnte, sondern, daß nun eine professionelle Karriere seiner in der deutschen Popszene unausweichlich geworden war. Der Rest ist nicht nur bayerische, sondern gleichsam gesamtdeutsche Popgeschichte. Noch 2008 sind "Haindling" eine feste Größe als anspruchsvolle Gratwandler zwischen Pop, Liedermachertum und Folklore im einheimischen Musikleben.
Sechs Studio-Alben, einen Livemitschnitt und eine Best-of-Kompilation, veröffentlichte das Projekt zwischen 1982 und 1992 bei Polydor. Die Rechte an diesen Aufnahmen liegen heutzutage längst nicht mehr im Hohen Norden, sondern gar nicht soooo weit entfernt von Hans-Jürgen Buchners Wahlheimat, nämlich in Planegg/Martinsried bei München, genau gesagt im Hause KOCH/Universal.
Für eine umfangreiche Drei-CD-Boxen-Sonderaktion, die am 25.01.2008 erschien, stellte die Katalogabteilung von KOCH/Universal u.a. auch ein aus drei Silberscheiben bestehendes Box-Set mit 43 der interessantesten, erfolgreichsten und bedeutsamsten Titel der Polydor-Ära von "Haindling" zusammen, das – fast – keine Wünsche offen läßt.
Sämtliche Hitsingles, die meisten aufsehenerregenden Albumtracks, nicht aber spezielle Fanfavoriten, wie z.B. "Mei bist Du gemein" (1985) oder "Meuterei" (bislang ausschließlich im Konzertgewand auf der gleichnamigen 1986er-Live-LP vorhanden), fanden den Weg auf die insgesamt ca. 145minütige Songkollektion "Haindling – Lang scho nimmer g’sehn" (KOCH/Universal).
Als "Haindling" 1982 ihre eingangs erwähnte erste LP vorlegten, galten Buchner und Co. noch als schräger Geheimtip für verschrobene Intellektuelle, Klangpuristen und radikale Mainstream-Verächter.
Mit der leicht jazzigen, trotzdem avantgardistisches Flair verstrahlenden Romantikballade "Rote Haar" und einer skurril-sympathischen Improvisation des traditionellen "Erzherzog Johann" jedoch, gelang es "Haindling" so nach und nach, auch bei jenen Musikfreunden zu punkten, die zwar im allgemeinen eher leichten, hitparadentauglichen Pop bevorzugten, sich aber eben NICHT als scheuklappenbehaftet gerierten und sich daher auch (vorläufigen) "Nischenthemen" zu öffnen bereit waren.
Im Frühjahr des "Orwell-Jahres" folgte so der bundesweite Durchbruch. Die Neue Deutsche Welle hatte die Ohren des klassischen Hitparadenpublikums für muttersprachliche Texte – auch und gerade (siehe: "Spider Murphy Gang", "BAP", "Relax" etc.) für Mundartlyrik diversester Herkunft - geöffnet. Ungewöhnliche, neue, spannende Popmusik Made in Germany hatte 1984 an allen Fronten beste Chancen.
Es war der liebliche, sacht Reggae-lastige, unendlich eingängige Mid-Tempo-Ohrwurm "Lang scho nimmer g’sehn", der "Haindling" in kürzester Zeit innerhalb der gesamten Bundesrepublik etablierte. Bis auf Rang 33 der "Media Control"-Listen kletterte im April 1984 dieser Meilenstein teutonischer Klangkunst; in den Rundfunkcharts konnten sogar die Top 10 geknackt werden.
"Lang scho nimmer g’sehn" – auch Titelgeber hier analysierter Drei-CD-Box – entstammte der schier famosen LP "Stilles Potpourri", die den 20. Platz der Albumcharts erreichte und viele weitere phänomenale kreative Kleinode enthielt, von denen die Mehrzahl für vorliegendes Tonträger-Set berücksichtigt wurde.
So etwa die im August 1984 vorgestellte, zweite Singleauskoppelung "Du Depp", eine fetzige, rasende Swingorgie, angesiedelt, irgendwo zwischen seinerzeit angesagtem New Jazz a la "Matt Bianco" und dadaistischen Wortspielereien eines Ernst Jandl.
"Mo mah Du"... was wollte uns der Künstler bloß damit sagen? - werden sich vor 24 Jahren nicht wenige "Haindling"-Bewunderer jenseits des Weißwurstäquators gefragt haben. Ganz einfach: "Mo mah Du" bedeutet auf Hochdeutsch "Mann, mähe Du" und erzählt über einen bizarren Streit zwischen einem "Mo" und einem Jesuitenpater, wer von beiden nun bitte die Wiese mähen möge.
Grellen, geradezu drastischen Bajuwaren-Blues auf Synthesizerbasis vernehmen wir im englischgesungenen "Tschu, Tschu", wie gleichfalls im trefflich hypertrophen, sehr amerikanisch inszenierten Großstadt-Swing "Hello, Baby" – ja, und der knackige, mit Absicht überzeichnet baßlastige "Holzscheidl Rap" über den ‚kreuzbraven Mann’, dem der ‚Mesner von Krailing" einen Holzschiefer aus dem Allerwertesten gezogen hat, kann mit Fug und Recht als erster und ggf. bis heute einziger originärer (!) boarischer Hip Hop bezeichnet werden.
Mitte der 80er waren "Haindling", ob im Norden, ob im Süden dieser Republik, in aller Munde. Alles wartete also gespannt auf das Folgewerk zu "Stilles Potpourri", das unter dem Titel "Spinn I" im Mai 1985 das Licht der Welt erblickte. Der Titelsong, eine kuriose Mixtur aus italienischen Wortfetzen, tanzbaren Rhythmen und dem sich immer wieder wiederholenden Refrain "Hey, Spinn I – oder bin ich jetzt im Himmi?", wurde schnell zu DER Insider-Hymne der über den (markttauglichen) Tellerrand deutscher Popmusik Blickenden.
Das dazugehörige Album verpaßte zwar knapp die Charts, gilt aber unter "Haindling"-Fans noch anno Domini 2008 als ewig unterschätztes Opus, aus dem leider nur, neben erläutertem Titelsong, die brachial-entspannte Schnaderlhüpferl-Ballade "I hob heid frei", der vor allem bei konzertären Auftritten frenetisch gefeierte Abzählreim "Schwarzer Mann" ("Fürchtet Ihr den Schwarzen Mann...?"), sowie ein – schauriger – 1992er-Remix des diabolischen Anti-Liebesliedes "Wos wuist’n Du?" den Weg auf "Haindling – Lang scho nimmer g’sehn" fanden.
Auf den Konzertbühnen dieses unseren Landes konnten sich Hans-Jürgen Buchner und seine Mitstreiter – "Achtung, Achtung": jegliche Form von Gitarren gab es dort niemals zu sehen bzw. zu hören! – stets am besten und intensivsten entfalten. Davon konnte sich der Rezensent erstmals am 13. Juli 1984 in der Stadthalle zu Rosenheim, später ein paar mal in seiner Hamburger Heimat, und zuletzt am 18. Juni 1994 auf den Ingolstädter Donauwiesen in bester Manier überzeugen.
Was im Studio zwar nicht allzu oft, aber eben (mehr als nur) manchmal, recht steril und kühl klang, erwuchs erst im Livekontext so recht zu einem tönenden Feuerwerk sondergleichen.
Klar, daß die Verantwortlichen für hier vorgestellte Drei-CD-Box zumindest einen – genau gesagt, den ihr den Titel gebenden – Song aus der 1986 veröffentlichten Livescheibe "Meuterei" aus den Archiven kramen MUSSTEN, um allen "Ungläubigen" vor Augen bzw. Ohren zu führen, wie atmosphärisch und authentisch Hans-Jürgen Buchner und die Seinen insbesondere während ihrer Auftritte auf ihre Fans wirkten. Schade allerdings, daß die "Katalogis" in Martinsried ausschließlich einen einzigen Beitrag von "Meuterei" für "Lang scho nimmer g’sehn" verkoppelt haben – nahezu alle anderen Titel dieses phantastischen Livemitschnitts hätten es ebenso verdient, endlich mal wieder im CD-Format für die "Haindling"-Anhänger und alle, dies es werden wollen. verfügbar zu sein.
Im Februar 1987 folgte das überwiegend düster gehaltene Opus "Höhlenmalerei", das sich thematisch häufig mit ökologischen bzw. (wirtschafts-)politischen Themen auseinandersetzte (Titelsong, "Der Rote Fluß", "Germoney"). Zu einem kleinen Radiohit erwuchs der sanfte, wiegende, musikalisch nicht nur von Ferne an 50er-Jahre-Instrumentalisten der Sorte Billy Vaughn gemahnende Mutmacher "Es geht wieder auf".
Erstmals mit heutzutage allgegenwärtigen Sampeling-Techniken experimentierten "Haindling" in der perfekt sarkastischen Klangkollage "Du siehst gut aus!", während die relaxte, gemütlich-verträumte Jazzballade "Telefon" vielmehr romantisch und liebevoll aus den Lautsprechern dringt. Ein so intensiver, wie radiokompatibler Titel, der damals durchaus die Chance gehabt hätte, ein Nachfolger von "Lang scho nimmer g’sehn" zu werden; aber das breite Publikum war 1987 längst wieder damit beschäftigt, sich von muttersprachlicher Popmusik hin zu internationalem Dancefloor- und Hochglanzpop zu orientieren.
Im selben Jahr allerdings stellte Hans-Jürgen Buchner die (relativ kommerziell ausgerichteten) Non-Album-Titel "Paula" bzw. "Irgendwo und Sowieso" als Eingangsmelodien für mehrere Fernsehserien zur Verfügung, so daß "Haindling" wenigstens den bundesdeutschen TV-Freaks im Gedächtnis blieben (wobei angemerkt werden muß, daß es sich bei der ironischen Ode auf "Paula" um nichts anderes handelte, als um eine poppige Umarbeitung o.g. augenzwinkernder "Kapitalismuskritik" "Germoney".)
Als 1989 die LP "Muh" erschien, waren "Haindling" nördlich des Mains – leider – kein Thema mehr. Trotzdem befanden sich auch darauf einige profunde Perlen, von denen die besten seitens KOCH/Universal für "Haindling – Lang scho nimmer g’sehn" kompiliert wurden. So etwa der dralle Umweltschutzhymnus "Über alle Meere", der sich inhaltlich trefflich und beißend zynisch mit der damaligen Giftfässer-Problematik beschäftigte und auf hervorragende Weise mollastige, tiefschwarze Strophen mit einem grellen, überzeichnet positiv-harmlosen, geradezu schunkelnden Refrain verband. Der für "Haindling"-Verhältnisse nahezu beinharte Rocker "Männer hart wie Stahl" karikierte quergedacht falsche Autoritäten, während in der frechen Klangkaskade "Aja" die "Ja-Sager" dieser Welt ihr Fett wegbekamen.
Persönlicher Favorit des Rezensenten aus "Muh" ist und bleibt – immerhin seit inzwischen 19 Jahren – der flinke Rock’n’Roll "Danke" mit seiner schier göttlichen Einleitungszeile: "Also, Du bist heit wieder mal a freundlicher Mensch – do kann man nur sag’n: Danke!"
Ja, und 1991 erschien die "Liebe" – ohnehin nicht unbedingt das "Topthema" im Leben des Verfassers – also, d.h. die "Liebe" kam nicht zum Verfasser (dies geschah erst zwei Jahre später, 1993) – zumindest aber veröffentlichten "Haindling" zu jenem Zeitpunkt ein so betiteltes Album, das zum einen das letzte reguläre Polydor-Werk darstellen sollte, und dem man zum anderen in fast jedem Takt den inneren Kampf des Projekts anmerken konnte, ob man weiterhin ein liebenswertes "Nischenthema" bleiben oder den Blick auf die schnellvergänglichen Popcharts werfen wolle. Schon 1991 konnte ich mit dieser LP ÜBERHAUPT nichts anfangen.
Der Titelsong ist banaler Radiopop ohne jeglichen Charme, "Ganz weit weg" nicht mehr, als ein schlapper, übermäßig rhythmisierter Popschlager, "Sie und er" kann ebenso kaum positiver bewertet werden, "Pfeif drauf" bleibt nur ein fraglos nettes, aber immens uninspiriertes Instrumental.
Die elektrisierende Mixtur aus bayerischer und afrikanischer Folklore unter dem Motto "Bongo meets Tuba", "Nix dabei", mit ihrer starken perkussiven Grundhaltung, ist eines der wenigen wirklich spannenden Stücke von "Liebe". Dies kann aber auch von der dunkel-nächtlichen Klangkollage "Das Geheimnis" behauptet werden, die sanft, verständnisvoll, ohne jeglichen Zeigefinger, den verschämten Besuch eines Mannes in einem Bordell skizziert.
Davon abgesehen jedoch, ist und bleibt – zumindest aus der rein subjektiven Sicht des Verfassers – der 1991er-Output von "Haindling" weder Fisch, noch Fleisch, und zugleich eines der schwächsten Alben, das Hans-Jürgen Buchner und seine Begleiter jemals vorgelegt haben.
Nichtsdestotrotz ist es den Mitarbeitern der "Katalogabteilung" von KOCH/Universal unzweifelhaft gelungen, einen aufregenden, vielseitigen, stilsicheren Überblick über zehn Jahre "Haindling" zusammenzustellen. Daß dies leider nicht chronologisch geschah, ist insofern bedauerlich, als daß der Hörer nun nicht nachempfinden kann, wie sich das Projekt aus dem tiefsten Niederbayern von einem urigen Spezialistentip zu einer (wenn auch weiterhin widerspenstigen) Allerweltsband entwickelt hat. Zudem fehlen auf "Haindling – Lang scho nimmer g’sehn", wie bereits dargelegt, besondere Fanfavoriten.
Davon abgesehen aber, beinhalten die drei CDs im Grunde genommen all das, was der Sammler, Musikchronist und Zeitgeschichtler von Hans-Jürgen Buchner und seiner Combo für sein Schallarchiv benötigt!
Gesamtnote – Musik: 1 – 2
Gesamtnote – Zusammenstellung: 3
Quelle: Holger Stürenburg, 06./07.Februar 2008
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