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09.10.2007 - 15:35:00

Glück (CD)

Veröffentlichung: 12.10.2007
Künstler: Manfred Maurenbrecher- Webseite
Label: Reptiphon- Webseite
 
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Als Mitte der 80er Jahre junge, frische Liederschreiber und Popchansonniers mit intelligenten, deutsch gesungenen Kleinoden die, vermutlich erst durch die Neue Deutsche Welle zum Beginn der Dekade so recht wachgerüttelte, einheimische Musikszene durcheinander wirbelten, galt der promovierte Philologe Dr. Manfred Maurenbrecher als einer der interessantesten, authentischsten und gleichsam vielschichtigsten Vertreter dieses kurzzeitigen konstruktiven Aufbäumens muttersprachlicher Sangeskunst, jenseits aller traditioneller Schlagerklischees.

Der Urenkel des Historikers Wilhelm Maurenbrecher und Enkel des Schauspielers Otto M. veröffentlichte nach 1982 insgesamt fünf hochkarätige LPs beim Medienmulti CBS und erspielte sich mit diesen grandiosen Produktionen zwischen gefälligem Pop und vertrackter, querdenkerischer Poesie eine kleine, aber feine Fangemeinde, ohne jedoch jemals den ganz großen Durchbruch zu erzielen – was im Falle Maurenbrechers vielleicht aber eher als Auszeichnung, denn als Makel anzusehen ist.

Seine Lieder, stilistisch angesiedelt irgendwo in der Nähe von Randy Newman, Tom Waits, Leonard Cohen oder Bob Dylan, zeigten sich stets als viel zu widerspenstig, zu (positiv) spröde, als herrlich unkommerziell, um vom gemeinen Middle-of-the-Road-Rezipienten überhaupt wahrgenommen werden zu können. Vor allem aber die Texte des kauzigen Berliners konnten ob ihrer hohen Qualität, ihrer stetigen "Politischen Unkorrektheit", ihrer Ideologien verachtenden Verbalanarchie, ihrer liebenswerten Schrulligkeit von "Otto Normalverbraucher", wenn überhaupt, dann eigentlich nur falsch verstanden werden.

"Mauri", wie der heute 57jährige von seinen Freunden liebevoll genannt wird, stieg im Rahmen seiner frühen Epen mal in die Rolle des einstigen BKA-Chefs und Terroristenjägers Horst Herold ("Herolds Blues", 1982), dann wiederum nahm er für ein Lied lang die Identität eines RAF-Kämpfers an ("Höchste Zeit", 1985), oder versetzte sich in die missliche Lage eines überforderten Grünen-Politikers ("Die Lücke", 1983). Er besang respekt- wie mitleidsvoll hochbegabte Nichtsnutze ("Der Junge kann malen", 1985), überzeugte Modernisierungsverlierer ("Blasmusik", 1986) oder aussichtlose "Reisende" (dito).

Unverbesserliche Mainstream-Verächter, scheuklappenlose Feuilletonjournalisten und stilistisch ähnlich ausgerichtete Kollegen, von Thommie Bayer über Wolfgang Niedecken ("BAP") bis hin zu Konstantin Wecker, waren in Anbetracht solch genialischer musikalischer Novellen schier begeistert – hitparadenhörige Teenies und "Modern Talking"-Freaks jener Tage konnten mit dem undogmatischen Zeitgeistkritiker jedoch rein gar nichts anfangen – was diesen aber nicht weiter störte, weshalb er bis heute weiterhin Jahr für Jahr wohlschmeckende CDs vorlegt, ohne damit in irgendeiner Form auf kommerzielle Erfolge zu schielen.

Seit 1996 tritt Dr. Manfred Maurenbrecher regelmäßig monatlich im Berliner Kleinkunstlokal "Schlot", mal Solo, mal mit Band, unter dem Motto "Mittwochsfazit" auf, im Zuge dessen er bissig und sarkastisch (v.a.) landespolitische Absurditäten zusätzlich ad Absurdum führt. Zudem reist er immer wieder durch die Republik, um mit den verschiedensten Programmen – entweder mehr kabarettistisch orientiert, oder eher rein musikalisch organisiert – jene Menschen zu erreichen, die auch nach dem Millennium das (Nach-)Denken noch nicht verlernt haben.

Dieser Tage legte der seit 1989 glücklich verheiratete Familienvater und Drehbuchautor seine aktuelle CD "Glück" (Reptiphon/ZYX) vor, die einmal mehr alle Facetten des hoch gebildeten Popintellektuellen an den Tag legt – selbst, wenn die "breiten Massen", so "breit", wie "massig", wahrscheinlich auch dieses Mal an ihrem "Glück" vorbei schreiten, und dasselbe wohl weiterhin bei "Tokio Hotel", "La Fee" oder den "Amigos" suchen dürften...

Eine volle Stunde lang spuckt der zeitweilige Radiomoderator und Theaterstücke-Schreiber Gift und Galle gegen den herrschenden Zeitgeist der mittleren "Nuller" Jahre. So karikiert Maurenbrecher im eher gesprochenen, denn gesungenen, knapp neunminütigen Sozialdrama "Hemd auf, Brust raus", sprachlich phantastisch formuliert und absolut überzeugend, eine geradezu grotesk anmutende Situation, die sich, so oder ähnlich, stündlich in einer der 2004/05 aus der Bundesanstalt für Arbeit hervorgegangenen Agenturen für Arbeit abspielen könnte – wo ein ohne Selbstverschulden arbeitslos gewordener 53jähriger Ingenieur das fiese Angebot erhält, seinen früheren Job zwar zurückzuerlangen, aber natürlich längst nicht mehr zum angemessenen Gehalt von 4000 Euro monatlich, sondern in Form eines schlichten Ein-Euro-Jobs...

In einer öden, tristen Vorstadtsiedlung, vor einem Supermarkt der Kette "Edeka" (Liedtitel), steht ein pubertierender Knabe, der zwar den ortsansässigen Mädels imponieren, am liebsten aber eigentlich umgehend die grau-in-grauen Gefilde verlassen möchte, im Walkman eine Kassette des New Yorker Singer/Songwriters Adam Green... – er schafft den Absprung, reist um die Welt, und kehrt eines Tages, vielleicht 2020 oder 2025, an die Stätte seiner zukunftslos anmutenden Jugend zurück, steht erneut vor jener "Edeka"-Filiale und stellt niederschmetternd fest, dass sich seit ‚damals’ gar nicht viel verändert hat – schon gar nicht ins Positive...

Solche auf den ersten Blick möglicherweise als bizarr erscheinende Plots, die aber im Grunde genommen, so oder anders, jederzeit tatsächlich vonstatten gehen könnten, mit so warmen, wie trefflichen, spitzen und zuspitzenden Worten zu erzählen, zählte schon seit Anbeginn seiner Karriere im Musikgeschäft zu "Mauris" Leidenschaften und Fähigkeiten zugleich.

Auf sympathischste Weise "unprofessionell" (= graziös am Markt vorbei), geradezu wohltuend, "scheppern" dagegen die Arrangements in Tom-Waits-ähnlichen Klangkaskaden ("Erst Brennen, dann Löschen") oder bitterböse-verschrobenen, bluesuntermauerten Skurrilitäten ("Dumm f*** gut").

Besonders jener Titel gehört zu den radikalsten, musikalischen, wie lyrischen Höhepunkten auf "Glück": Ein extrem verkopfter, hochbegabter Jüngling, der bereits mit 15 Jahren sein Abitur ablegt, mit 20 promoviert und mit 30 den Nobelpreis erhält, hat (womöglich gerade deshalb?) nur ganz, ganz selten in seinem Leben die Option offeriert bekommen, zusammen mit einer kessen Dame seine sexuellen Phantasien auszuleben. Wenn sich denn schon mal eine Schönheit erbarmt, ihn an sich heran zu lassen, findet das Genie keineswegs die zur Situation passenden Worte, sondern kramt viel lieber aus seinem unergründlichen Zitatenschatz etwa den "Satz des Pythagoras" oder den "Kategorischen Imperativ" von Kant heraus – woraufhin sich die anvisierte Gespielin stehenden Fußes zurückzieht und nur meint: "Dumm f*** gut / Du bist mir nicht dumm genug".

Eines Tages krempelt der in Fachkreisen gefeierte, mehrfach ausgezeichnete Protagonist sein ganzes Leben vollkommen um – und trifft plötzlich in einem billigen Tanzlokal auf die schöne Dorothea. Die beiden kommen sich immer näher – und kurz, bevor es so richtig losgeht, fängt die Gute an, Marx und Engels rauf und runter zu zitieren – woraufhin dem gefallenen Ex-Wissenschaftler nur noch übrig bleibt, schonungslos zu proklamieren: "Dumm f*** gut / Du bist mir nicht dumm genug"...

Wiederum ein klassischer Maurenbrecher-Text, (selbst)ironisch, überkandidelt dargeboten zu kreischenden Blues-Gitarren im deftig-drallen Bo-Diddley-Stil; ein Plot, in dem sich der Rezensent Eins zu Eins ertappt fühlt, wie es bereits so oft zuvor bei zig lyrischen Verbalinjurien des genialischen Wortakrobaten aus der einstigen Mauerstadt der Fall war.

Ebenso sprachlich perfektest austariert, der melodisch, harmonisch und hinsichtlich instrumentaler Verkleidung plakativ relaxed-entspannt, latent swingend, frühlingsfrisch gehaltene Talking-Blues "Arbeit", in dessen ausschweifendem Text erzählt wird, welch geringfügige Alltagstätigkeiten – etwa das Spüren süßen Grillfestdufts, das Betrachten des blauen Himmels oder gar das Denken an GAR NICHTS – letzten Endes kaum weniger bedeuten, als eben reales Schuften...
 
Doch auch die romantisch-emotionale Seite Manfred Maurenbrechers wurde auf "Glück" nicht einfach so ad acta gelegt. Eingängige, sensible Gefühlselegien der Sorte "Augen", "Nah & wichtig" oder "Alles hat seine Zeit" können fraglos und jederzeit mit "Mauris" inzwischen längst Legendenstatus innehabender 1983er-Ballade "Hafencafe’" – vielleicht seinem einzigen realen "Hit" – mithalten, selbst, wenn die ungewöhnlichen, teils schrägen, oft absichtlich improvisiert wirkenden Arrangements dieser eher stillen Titel einen Radioeinsatz derselben mit voller Wucht (und gewollt?) verhindern dürften.

Ob konsequent akustische Piano-Schleicher, nur aus weiter Ferne popkompatible Liebesballaden, ausufernder Talking-Blues, musikalisch untermalte Kurzgeschichten oder rockigere Klänge – all dies ist auf "Glück" in prallster Form vorhanden und belegt erneut die seit Jahren unverbrüchliche Tatsache, dass sich ein Manfred Maurenbrecher auch anno 2007 in keine Schublade pressen lässt. "Glück" ist beileibe keine CD zum Nebenbeihören; Ohrwürmer, Melodien zum Mitpfeifen, fehlen darauf zum "Glück" vollständig.

Stattdessen berichtet "Glück" unverhohlen, drastisch und ungeschminkt von den Irrungen und Wirrungen des chaotischen Hier und Jetzt, niemals verletzend, oft sogar überaus sensibel und mitfühlend formuliert, aber ein ums andere Mal den ominösen Zeitgeist in seinen wundesten Punkten treffend.

Kurzum: Wer "Glück" hat, hat wahrlich "Glück": Er/Sie hielte in diesem Falle eine der tiefsinnigsten, aussagekräftigsten, politischsten (aber niemals agitativen), sicherlich wortreichsten, nachdenkenswertesten Silberscheiben in Händen, welche die deutsche Chanson-/Kleinkunstszene dieses Jahr hervorgebracht hat!

Gesamtwertung: 1


Autor: Holger Stürenburg


 

 
Fakten:
Veröffentlichung: 12.10.2007
Künstler: Manfred Maurenbrecher - Webseite
Label: Reptiphon - Webseite
 
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