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14.11.2006 - 00:00:00

GEORG DANZER / FRANZ JOSEF DEGENHARDT
Jetzt neu: Die "2 in 1 Rezi": Holger Stürenburg bespricht die CDs "Träumer" (Herr Danzer) und "Dämmerung" (Herr Degenhardt)!

Alle müssen sparen, so auch wir! Deswegen finden Sie hier gleich zwei CD-Rezensionen in einem Artikel...:

Zwei bedeutsame, wenn auch nicht unumstrittene Liedermacher/Chansonniers aus dem deutschen Sprachraum legen dieser Tage ihre aktuellen Arbeiten vor.

Da wäre zum einen das Wiener Original GEORG DANZER, dessen neue CD den Titel "Träumer" trägt und vor kurzem bei Amadeo/Universal auf den Markt kam. 2006 war für den seit 1967 als Singer/Songwriter aktiven Ex-Philosophiestudenten in jeglicher Hinsicht ein einschneidendes Jahr: Der legendäre "Nuscheler" mit der spitzen Zunge feierte vor wenigen Wochen – man glaubt es kaum – seinen 60. Geburtstag; kurz zuvor trat der aus der Art geratene Beamtensohn mit der Hiobsbotschaft an die Öffentlichkeit, er, der unverbesserliche Kettenraucher, der bei keinem "Tschick" dieser Welt jemals ‚nein’ sagen konnte, sei an Lungenkrebs erkrankt.

Beide Faktoren scheinen auf "Träumer" eine immense Rolle zu spielen: Georg Danzer zieht in den 14 Beiträgen des 55-Minuten-Opus Resümee über die vergangenen 60 Jahre, legt sich spöttelnd, hinterfotzig, gar respektlos mit dem Tod an, ohne jedoch auch nur eine Sekunde lang seinen gewohnten satirischen, ja beinahe sarkastischen, typisch "Weanerischen" Humor aus den Augen zu verlieren.

Zeigte sich "Persönlich", das letzte in bundesdeutschen Gefilden veröffentlichte Album des zickigen Parade-Wieners über weite Strecken als übertrieben computer- und synthesizerlastig – häufig wirkte die CD so, als wäre der eigentliche Hauptprotagonist Danzer ausschließlich zum Besingen fertiger Playbacks ins Studio gebeten worden, nachdem die extrem kommerziell ausgerichteten Produzenten Dieter Kolbeck und Stephan Maass vorher alle Ecken und Kanten seiner Melodien abgeschliffen hatten -, so überrascht "Träumer" mit zwar weitgehend sanften, liebenswürdigen, aber zugleich radikal erdigen, originären und ungekünstelten Blues- und Folkklängen in staubigster, trockenster Ausprägung: Eine "schiache" Bluesharp führt durch die gekonnt holperigen Kompositionen, die widerspenstige Slidegitarre jammert und wimmert in graziler Hochform, das sphärische, weitläufige Piano klimpert in bester Honky-Tonk-Manier. Dies bedeutet: Musikalisch erweist sich "Träumer" als durchwegs authentisch, feurig, knisternd und vor allem niemals alltäglich und vorhersehbar.

Lyrisch gelingen Danzer auf vorliegender Silberscheibe geradezu kleine Meisterwerke: Stets intim und persönlich an seinem eigenen Schicksal orientiert und dennoch ausnahmslos für alle seine Fans – und natürlich gleichsam alle anderen Freunde anspruchsvoller Austro-Chansons – spannend, mitfühlbar, mitreißend und hochinteressant ausgestaltet.

Im Titelsong etwa, sinniert das (un)glückliche Geburtstagskind über all seine vielen, nicht immer sinnigen Aktivitäten im Zuge der Irrungen und Wirrungen um 1968 herum. Damals war er der Meinung, ein Lied könne die Welt verändern. Heutzutage ist er aber längst erwachsen, nüchtern, abgeklärt, vielleicht auch einwenig niedergeschlagen geworden, so daß er sich zwar weiterhin als unverbrüchlichen "Träumer" sieht, all dem zum Trotz allerdings eindeutig kapiert hat, daß all diese Träume von einer besseren Welt letztlich auf ewig Träume bleiben werden. In der leicht angejazzten Popballade "Wunderland" träumt Danzer deutsch/englisch von der absoluten Harmonie mit seiner Partnerin; "Menschenskinder" stellt erneut klar, daß jedes Individuum auf dieser unserer Welt gleich viel Wert ist, egal, wo, wie und auf welche Weise es auf dem Globus lebt. "Laß mi da ned lana" fleht die Liebste an, den Liebsten – bis zum endgültigen Schluß – nie mehr allein zu lassen, denn... "I wer nie mehr frei sein / bis zum bittern End". Und, sollte ihn der Krebs tatsächlich einst dahinraffen, so bittet Danzer im zynischen Shuffle "Mei Aschen", doch bitte verbrannt und keinesfalls begraben zu werden, denn "So a Grab, des braucht a Fü zu Fü Platz / und im Ernst, vergrabn tut ma an Schatz" (Textzitat).

Äußerst bescheiden gibt sich der 1976 von der britischen Fachzeitschrift "Music Week" zum "Star of the Year" auserkorene Vokalist und Gitarrist im stillen Mid-Tempo-Popkleinod "Alles, was ich brauch": Nur eine Gitarre, etwas zu Schreiben und "a Hirn, des funktioniert", reichen dem Austropop-König vollkommen aus, um ein für allemal glücklich und zufrieden zu sein. Der liebliche Gitarrenrocker "I fürcht mi ned" läßt latente Ängste des Sängers verspüren, inmitten eines umjubelten Live-Auftritts plötzlich zu kollabieren und ewiglich "weg" zu sein; jenes Lied geriert sich als Aufbaumedizin, als Durchhalteparole Danzers, daß ihm genau jenes eben Geschilderte bloß niemals passieren möge. Sogar im stattlichen Alter von 60 Jahren, entschuldigt sich der sympathische Nörgler mittels der nur vordergründig harmlos-naiven Ballade "Es tuat ma lad" bei all den Frauen, die er im Laufe der letzten sechs Jahrzehnte so sehr enttäuscht habe... die Frau Mama, die Lehrerin, die pubertierenden Schulhofschönheiten... all diese armen, hübschen Damen sind Opfer des augenzwinkernden Donaustädters geworden... wir sind alle wütend und betroffen..., bis völlig unerwartet, aber umsomehr erhofft, die klassische Danzer-Wendung eintritt: "Doch, eigentlich bemerk I grad / Es tuat ma überhaupt ned lad / Es tuat me ned a bissl lad"...

In "Stell da vor" erläutert Danzer einem spießigen, homophoben Zeitgenossen, daß selbst schwule Menschen seien; schlußendlich hat der Meister des morbiden Zynismus – fünf Jahre nach seinem wunderbaren CD-Meilenstein "13 schmutzige Lieder" – wiederum zwei ebensolche im Programm: Die genialische Moritat vom hocherotischen Zwiegespräch von "Ein(em) Tampon und ein(em) Kondom" sowie den sambalastigen Lobgesang auf die sexy "Schwester Maria", die bitteschön den tatterigen Uralt-Senioren im Altenheim allabendlich Viagra verabreichen und sich möglichst gleichzeitig und unverblümt zu denen ins Bettchen begeben solle. Zwischen purem Sarkasmus und bizarrer Realsatire hält sich das beinahe avantgardistische, an Max Goldt und seine entsprechenden Klangdramen gemahnende Singspiel "De glaub’n I hör’s ned" auf: Die Oma liegt im Koma, Danzer in der Rolle derselben alten Lady; die Verwandten, die Tochter, der Enkel machen sich lächerlich über die bettlägerige Seniorin, flachsen und spotten und sind sich sicher, Omama bekäme von all ihrem bösartigen Treiben nichts mit... und doch hört sie alles, jene greise Omi, von der jeder hofft, sie möge bald sanft entschlafen und ein möglichst ausgiebiges Erbe hinterlassen.

Georg Danzers höchstpersönliches Geburtstagsgeschenk zu seinem 60. Ehrentag präsentiert den unzerstörbaren Austropop-Guru von seiner besten Seite: Filigran, ehrlich, sensibel, aber regelmäßig ansprechend, anregend und für alle interessierten Zuhörer nachvollziehbar. "Träumer" ist nicht mehr und nicht weniger, als ein reifes Alterswerk eines großartigen Künstlers, das hoffentlich nicht das Letzte seines Interpreten bleiben möge!

Noch fast 16 Jahre mehr auf dem Buckel, als der Wiener Bua Georg Danzer, hat der promovierte Rechtsanwalt FRANZ JOSEF DEGENHARDT, seines Zeichens in der zweiten Hälfte der 60er Jahre ideologisiert verklärtes Idol der jugendlichen Studentenrevoluzzer und ihrer Epigonen. Das einstige SPD-Mitglied, das 1971 aufgrund der offenen Unterstützung der neugegründeten Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) aus der Partei Schumachers, Brandts und Wehners ausgeschlossen wurde, ließ sich von der seinerzeit seitens der "DDR" in Millionenhöhe gesponserten Gruppierung blenden und stieg 1978 endgültig bei der DKP ein – trotzdem gelang es dem urigen Juristen immer wieder, sogar den "kapitalistischsten Klassenfeind" mit seinen feinsinnigen Oden und Balladen zu begeistern und in seinen Bann zu ziehen. "Spiel nicht mit den Schmuddelkindern", von jeglichem Mainstream abseitiger Überhit aus 1965, imponierte selbst konsequentesten CDU/CSU-Anhängern; 1980 nahm sich gar der ideologisch vollkommen unverdächtige Schlageronkel Jürgen Drews dem perfekten Bänkelgesang vom Aufstieg und Fall eines schnieken Bürgersöhnchens an.

Im gestandenen Alter von rund 75 Jahren meldet sich der versinnbildlichte Liedermacher mit zehn neuen musikalischen Stellungnahmen zurück: Im folkigen Titelsong von vorliegender 45-Minuten-Silberscheibe, "Dämmerung" (KOCH/Universal), beschreibt der unbelehrbare Weltverbesserer einen langsam hereinbrechenden Sommerabend voller schwülstiger Atmosphäre und tragikomischer Attitüde. Die düstere Moritat "Sie ist in den Wald gegangen" setzt sich mit einer schöngeistig veranlagten Krebskranken auseinander, die einst zwischen all den hohen Bäumen im dunklen Forst ihrem kargen Leben ein Ende setzte... 50 Jahre später erhält F.J.D. ein amtliches Schreiben aus ihrem gemeinsamen Heimatort, ob bei Ihm nicht Interesse an einer endgültigen Aufklärung dieser schaurigen Causa bestünde....

Der leicht country-infizierte Talking Blues "Bruder Hans" skizziert liebevoll-kritisch das Stimmungsbild in einer alten, verwunschenen Kaschemme, nahe des Schienenstrangs, namens "Zum Gleisanschluß"; "Auf der Heide" ähneln sich tumbe Neonazis und siegesgewisse Globalisierungsfetischisten weitaus mehr, als jemals zuvor zu erahnen war. Melodisch auf der Basis des allseits geläufigen Kinderliedes "Hoppe, Hoppe Reiter" huldigt F.J.D. in "Traumritt" mal wieder annährend sieben Minuten lang der knallharten Kapitalismuskritik... verschroben bis irreal... und dennoch ein ums andere Mal liebenswert und nicht selten mit (zumindest) einem Körnchen Wahrheit versehen, dem nicht einmal der kühnste Wirtschaftsliberale so schnell zu widersprechen in der Lage ist.

Aus der tiefsten Vergangenheit teutonischer Folklore-Dichtung transferiert der Chefzyniker vom Dienst die gruselige Ballade "Du sollst mir nichts verweigern", das freundliche Gute-Nacht-Epos "Wohlan, wir wollen schlafen" und das legere Fahrtenlied "Trampten wir durchs Land (Sängerleben)" ins Heute. Den Höhepunkt Degenhardtscher Dichtkunst 2006 stellt eindeutig der bitterböse Abgesang auf "Onkel Albright" dar: F.J.D. macht aus der früheren amerikanischen Außenministerin einen senilen Greis, dessen Papagei im Altersheim zu oft und zu laut "Heil Hitler" lallt...

Spartanisch, minimalistisch, nahezu durchgehend auf akustischer Gitarrenbasis arrangiert und inszeniert von Sohnemann Kai Degenhardt und Produzent Goetz Steeger, beweist der alles andere als abschreckende Altmarxist in seinen zehn neuen Klangkonstrukten, daß der Herr "Linksanwalt" seit langsam 43 Jahren rein gar nichts verlernt hat in Sachen "den Finger in die wunde Wunde legen". "Dämmerung" ist garantiert keine Platte für oberflächliche Halli-Gallis und Cabrio-fahrende Nebenbei-Musikhörer, dafür aber ein real existierender Leckerbissen für denkende und NACHdenkende Mitmenschen aller politischer Couleur!

Gesamtnote – Danzer: 1

Gesamtnote – Degenhardt: 2plus


 



CoverImage

Quelle: Holger Stürenburg, 08./09. November 2006

 

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