07.11.2006 - 00:00:00
GEIER STURZFLUG
Das Comeback-Album "Mahlzeit" im Test von Holger Stürenburg!
Sie waren letztlich nicht mehr und nicht weniger als die "deutschen Kinks der 80er Jahre": Die Jungs der augenzwinkernden, meist selbstironisch auftretenden Ruhrpott-Combo "Geier Sturzflug", die 1982/83 erstmals der einheimischen Öffentlichkeit ein Begriff wurde und bedauerlicherweise, aber nun mal zeitgemäß, viel zu schnell in die damals alles beherrschende NDW-Schublade gepfercht wurde, aus der sie nie mehr herausfand, obwohl ihre klanglichen Statements mit der Schrille, der offenkundigen Seichtheit und grellen Fröhlichkeit vieler Exponenten der kommerziellen NDW rein gar nichts gemein hatten. Sänger/Songschreiber Friedel Geratsch und seine durchwegs aus der Arbeiterklasse stammenden Mitstreiter spießten in ihren noch heute perfekt wirkenden gesungenen Milieustudien die Sorgen und Nöte, Gedanken, Gefühle und Träume des typischen Werktätigen, des sprichwörtlichen Kleinbürgers, Spießbürgers, auf phantastische Weise auf – ähnlich, wie Maestro Raymond Douglas Davies jr., stets satirisch, einwenig sarkastisch, aber keinesfalls beleidigend oder verletzend, dafür ein ums andere Mal verständnisvoll und mitfühlend.
Das längst zur Legende erwachsene "Bruttosozialprodukt" entpuppte sich im Mai 1983 als wochenlanger Nummer-Eins Hit in den teutonischen Charts und verkaufte sich innerhalb der darauffolgenden Wochen über eine Million Mal. Der bereits 1977 für das Kabarett-Duo "Dicke Lippe" verfaßte Ohrwurm schien sich hierzulande zum real existierenden Soundtrack der "Geistig-Moralischen Wende" von Kanzler Helmut Kohl und seiner neuen christlich/liberalen Koalition zu entwickeln. Obwohl dies von Friedel Geratsch zu keinem Zeitpunkt geplant war, jubelte beispielsweise die konservative Tageszeitung "Die Welt" über ein Lied mit "so viel Schwung, so viel Optimismus", die eher linksliberale "Quick" bezeichnete das oft mißverstandene Werk ablehnend als "Parteitagssong der CDU", die SPD-Mitgliederzeitschrift "Vorwärts" jammerte über eine "zynische Ballade vom deutschen Arbeitsethos" - Die musikalische Untermalung der "Wende" war geboren, zumal "Geier Sturzflug" genau einen Tag nach der Kohl-Wahl, ergo am 07. März 1983, ihren ersten TV-Auftritt wahrnahmen.
Die einst siebenköpfige Formation avancierte Dank ihres hochmelodischen Nummer-Eins-Renners zu DER deutschen Rockband des Jahres 1983. Die nächste Singleauskoppelung aus ihrem seinerzeit bei Ariola erschienenen Major-Debüt "Heiße Zeiten", "Besuchen Sie Europa (solange es noch steht)", gerierte sich ebenfalls als unvergänglicher Gassenhauer und Top-20-Erfolg, selbst wenn der von jeher als konservativ und proamerikanisch geltende Moderator der "ZDF-Hitparade", TV-Urgeistein Dieter Thomas Heck, in seiner Sendung den Titel jenen messerscharfen Höhepunkts des deutschen Politrock niemals vollständig aussprach, sondern ihn regelmäßig ausschließlich als "den neuesten Titel von Geier Sturzflug" ankündigte.
Im Herbst 1984 erschien die LP "Drei mal täglich", das dritte und diesmal noch ambitioniertere LP-Werk von Friedel G. und Co. – das breite Publikum schien sich allerdings für das phänomenale, vielfältige, einerseits sehr muntere, andererseits drastisch kritische Album nicht zu interessieren, so daß sich die hochtalentierte Truppe zwei Jahre darauf entnervt auflöste und jeder einzelne Musiker seine eigenen Wege ging.
Erst 1996 reanimierte Chef-Geier Friedel Geratsch sein erfolgreiches Markenzeichen der coolen Dekade. Gemeinsam mit Carlo von Steinfurt, in der zweiten Hälfte der 80er Mitglied der schmusigen Oldies-Revival-Band "Moonbeats", rief Friedel "Geier Sturzflug" ins Leben zurück, trat auf unzähligen NDW-Festivals und Schlagerpartys auf. Im Laufe der folgenden Jahre erscheinen an die zehn Maxi-CDs des neuerwachten Duos, die jedoch zumeist nicht das extrem hohe lyrische Niveau früherer Deutschrock-Perlen der Sorte "Halt mich fest", "Des kleinen Mannes Sonnenschein", "Einsamkeit", "Brich mir nicht das Herz" oder "Euroshima" an den Tag legten.
Mittlerweise seit 1998 – also, seit ganzen sieben Jahren - wurde das hochoffiziell vierte Studioalbum von "Geier Sturzflug" angekündigt... und immer wieder verschoben. Nun liegt es seit wenigen Tagen endlich vor! "Geier Sturzflug"-Opus Numero Vier "Mahlzeit" (DA-Music) zeigt sich sogleich beim ersten Anhören als absolut vielseitige und auf überaus intelligente Art und Weise stilistisch höchst unterschiedlich austarierte Produktion bester Güteklasse. Dies erklärt sich in erster Linie aus einer Tatsache, die bislang vielleicht nur der Eingeweihte wußte: Sieben der insgesamt 14 Tracks von "Mahlzeit" waren zunächst für ein Soloalbum von Friedel Geratsch bestimmt, auf dem dieser anspruchvolleren, widerspenstigeren deutschsprachigen Popklängen huldigen wollte, als es zuletzt – aus rein kommerziellen Gründen – mit seiner Band möglich war. Dieses kam zwar bis dato nicht auf den Markt, dafür aber finden sich die besten, herausragendsten musikalischen Kleinode daraus nun auf "Mahlzeit": Etwa die so bissige, wie eingängige James-Bond-Parodie "Geschüttelt, nicht gerührt", traumhaft verschrobene Liebeslieder wie z.B. "Weil es nie zu Ende ist" oder das an Bob Dylans tieftraurigen Abschiedsblues "It’s all over now, Baby Blue" gemahnende "Ein Stern fällt in die Nacht", krosser, treibender, gitarrenbetonter Beinahe-Hardrock in philosophischem Ambiente ("Schlaflose Igel"), Rockabilly-ähnliche Spielereien ("Gute Schuhe") oder konstruktiv niedergeschlagener Reggae, verfeinert mit sachten Hip-Hop-Zitaten ("Schöner vorgestellt") – so qualitativ wertvolle, wie in positivster Sichtweise unspektakuläre Pop/Rock-Kompositionen ohne unnötige modische Mätzchen, ehrlich, offen, geradeaus und offensiv dargeboten. Besonders elektrisierend: Die wohlig sentimentale Mid-Tempo-Popballade "Das Spanische Zimmer", die zwar ganz entfernt an Achim Reichel erinnert, aber dennoch so unendlich viel an unbeschreiblichem Gefühl, Sehnsucht und Leidenschaft versprüht – womöglich DER deutsche Popsong des Jahres 2006?!
Darüber hinaus vernehmen wir auf "Mahlzeit" ein paar mitschunkelbare, lyrisch eher schlichter, weniger nachdenklich gehaltene Gossenhauer zum lustigen Zeitvertreib, allerdings niemals ohne gesellschaftskritische Widerhaken. So, die grelle 50er-Jahre-Schlagermelange "Wir müssen lernen, faul zu sein", die propere Rap-Verhohnepipelung "Jetzt ist die Wirtschaft dran", die bitterböse Zeitgeistsatire "Arbeitslos" auf der musikalischen Basis von Roy Blacks Allzeit-Klassiker "Ganz in weiß" oder der nur allzu sehr zutreffende Discoschlager "Schwarzarbeit" (dem und dessen Inhalt sich wohl nur die wenigsten der unter der enorm hohen Steuerlast ächzenden Bundesbürger entziehen können...).
Jene drei Meilensteine des anpolitisierten Deutschrock der goldenen 80er, mit denen man "Geier Sturzflug" vermutlich auf Ewig in Verbindung bringen wird, beschließen das knapp 50minütige Programm von "Mahlzeit": Ausnahmslos sympathische, keinesfalls allzu sehr modern vor sich hin bumsende und rhythmisierende Neuaufnahmen des unzerstörbaren Wirtschaftsaufschwungsepos "Bruttosozialprodukt", des grandiosen Tanzflächenfüllers "Die Pure Lust am Leben" und der pazifistischen, sarkastischen "Reisewerbung" "Besuchen Sie Europa (solange es noch steht)" – heutzutage vielleicht viel mehr als "Besuchen Sie Syrien/Iran/Nordkorea (solange es noch steht)" denkbar – garantieren einen trefflichen Fetenfaktor von "Mahlzeit".
Vorliegende CD mit ihrer kongenialen, niemals negativ auffallenden Mischung aus intellektuellem Edelpop, Bierzelt-tauglicher Gesellschaftskritik und melancholischer Erinnerung an die chaotisch-liebenswerten 80er Jahre erfüllt punktgenau das, was eine gehobene, klassische deutsche Pop/Rock-Produktion anno 2006 hervorzubringen in der Lage sein sollte: Zeitlose Kompositionen ohne unglückliche Zeitgeistanbiederung, eingängige Popsongs mit Ewigkeitstauglichkeit, einfühlsame, zickige Texte mit Geschichts- und Politikbewußtsein – was will der weitblickende, tolerante, (wenn auch sicher nicht selten ein bißchen vergangenheitsorientierte) Musikfreund mehr?
Gesamtnote: 1
Quelle: Holger Stürenburg, 03./04. November 2006
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Kommentare:
07.11.2006 11:15:49
Geier Sturzflug
Eine gute Kritik - der ich voll und ganz zustimmen kann. Diese Scheibe macht einfach Spaß und wird nicht langweilig. Kein Song gleicht dem anderen und man kann ihn immer und immer wieder hören... Glückwunsch Geier Sturzflug
geschrieben von: Michael
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