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18.04.2005 - 14:15:11

GAST-KOLUMNE Ulrich "Ulli" Moorlampen zum Thema "Chart Manipulation"!

Diesen Beitrag des Geschäftsführers von u.a. Sound Around Music (Oliver Frank, Guido Hoffmann u.a.) sollten Sie nicht verpassen:

Die letzte smago!-Kolumne - der "offene Brief an David Brandes" - sorgte für ordentlich Zündstoff. Viele, viele interessante Beiträge trudelten bei uns ein - zum großen Teil auch in unserem Gästebuch. Ganz besonders ausführlich hat sich Ulrich Moorlampen, Geschäftsführer der SAM Media Tonträger Vertriebs GmbH  und
Sound Around Music Tonträger GmbH, mit unserer Kolumne beschäftigt. Das macht uns sehr stolz, denn "Ulli" Moorlampen und sein Team zählen mit zu den wichtigsten Drahtziehern im Pop- und Party-Schlagerbereich überhaupt. So entwickelte Sound Around Music (= SAM) die überaus erfolgreiche "Gnadenlos deutsch"-Reihe (Folge 16 ist gerade erschienen).

Sound Around Music hält beispielsweise bis heute die Rechte an dem NDW-Klassiker "Am weißen Strand von Helgoland" von Niko. Der auf Polydor veröffentlichte James Last-"Titel" "Biscaya" wurde sogar ein Welthit.

Große Erfolge landet(e) das Label mit Interpreten wie Oliver Frank, Guido Hoffmann, Jeannine, Nadine Norell, Tommy FischerDaniel Beck, Nico Gemba und und und...

Hier nun die Reaktion von Ulrich Moorlampen auf unsere letzte smago!-Kolumne, die Sie HIER noch einmal nachlesen können, um mit im Bilde zu sein:

Hi Andy,


 



ich finde Deinen Gästebucheintrag gut ((www.bros-music.de)). Es ist gut zu wissen, dass es noch Menschen gibt, die den Charakter haben und den Mut besitzen, zu einem wirklich brisanten Fall Stellung zu beziehen. Leider sind sehr viele Einträge ohne Namen und Adressen im Gästebuch von Bros-music. Ich finde, wenn ich eine Meinung habe, dann stehe ich auch dazu, oder?

Mit meinem Eintrag wollte ich zur Mäßigung in der Betrachtung und zur Ausgewogenheit aufrufen, denn die Sache ist sicher vielschichtiger als sie auf den ersten Blick erscheint.

David Brandes hat massiv manipuliert, dass ist wohl unbestritten. Dafür hat er auch die Quittung bekommen. Es gibt klare Chartregeln, es gibt den Chartausschuss und es gibt die entsprechenden Konsequenzen. Damit ist die Sache geklärt. Ich habe nur was gegen eine "Hexenverbrennung". Wir beide kennen die Branche zu gut, wenn Du weißt, was ich meine. Ich will für niemanden Partei ergreifen und was David gemacht hat schadet der Branche enorm, aber es gibt auch keinen Grund dafür, die Sache unnötig zu skandalisieren. Begriffe wie "mafia-ähnliche Strukturen" sind fehl am Platz. Es handelt sich doch nicht um Mord und Totschlag oder Drogenhandel. Das schadet der Branche noch viel mehr, gerade jetzt wo sich die Branche langsam wieder fängt. Wenn nun Herr Brandes 2, 3 oder gar 4 Leute zum "Einkaufen" losschickt, haben wir es doch nicht mit einer organisierten Kriminalität im Sinne der Mafia zu tun. Es zeigt vielmehr wie angeschlagen die Branche ist. Wenn so geringe Stückzahlen ausreichen, um einen Platz 20 zu erreichen, sollte vielmehr dieser Umstand zu denken geben. Ich kann mich an andere Zeiten erinnern. Als wir mit "Am weißen Strand von Helgoland" 1983 in 2 wichtigen TV-Sendungen waren, haben wir an einem Tag über 20.000 Singles verkauft, und das reichte nicht einmal für die Top 20, sondern nur zu Platz 21.

Wie will man im Grunde da einen Hit manipulieren. Obwohl es auch damals üblich war Titel zu puschen. Im direkten Vorfeld des Erfolges bekam ich seinerzeit einen Anruf mit folgendem Angebot: Gebe die ½ Verlagsrechte an die Person X ab, und der Titel findet sich in einer bestimmten Sendung und anschließend in den Charts wieder. Ich bin den Deal nicht ! eingegangen, und der Titel war so gut, dass er es trotzdem ohne irgendeine Hilfe von ganz allein geschafft hat.


Anmerkung:
Zu dieser Zeit wurden die Singles noch nicht gescannt. Die Händler haben auf einem Bogen ihre Verkäufe von bestimmten Titeln handschriftlich an Media Control gemeldet. Es war üblich, dass die Händler von den Außendienstlern mit kleinen Geschenken dazu animiert wurden, besonders viel zu melden. Das nannte sich Chart-Promotion. Es gab bei großen Firmen immer einen nationalen und einen internationalen Titel in der sogenannten Chart-Promotion. Fairerweise muss ich auch sagen, dass die Chart-Promotion nur für die Titel gestartet wurde, die ohnehin kurz vor dem Chart-Einstieg waren. Es ging darum, die verheißungsvollen Titel eben sicher in die Charts zu wippen. Es gab also eine gewisse interne Selbstkontrolle. Der Hintergrund war auch der, dass Titel, die nicht in den Charts waren, nur für eine kurze Zeit auf dem Meldebogen aufgeführt waren. Danach gab es keine reelle Chance mehr, selbst bei guten Verkäufen, in die Charts einzusteigen.

Also, die Problematik ist nicht neu. Sie führte ja auch zur Einführung der Scanner-Kassen. Aber es gilt immer: "Traue keiner Statistik, es sei denn, Du hast sie selber gemacht !". Das Beispiel zeigt aber auch, dass man einen wirklichen, nachhaltigen Hit nicht "machen" kann. Man kann in ans Licht bringen, dass er eine faire Chance hat, mehr aber nicht. Das sollten sich alle in der Branche Beteiligten immer vor Augen halten. Jetzt aber zum eigentlichen Skandal. Die Verkäufe sind so gering, dass ganz geringe Stückzahlen ausreichen, die Charts zu manipulieren. Und warum? Mit der fortschreitenden Technik wurde es möglich, die Musik "ohne Bezahlung" zu kopieren. Das führte im ersten Schritt dazu, dass die Hits illegal nachgepresst wurden, und massiv auf "Parallel-Märkten" wie Floh- und Trödelmärkten etc. verkauft wurden. Die CDs wurden meist in Polen oder Tschechien gepresst und nach Deutschland "exportiert". Und das in großem, organisierten Maße. Das ist bandenmäßige Kriminalität. Hier ließe sich viel eher der Begriff "mafia-ähnliche Strukturen" verwenden. Und wo war die Polizei, wo waren die Gerichte, wo war die Politik und ganz besonders, wo waren die Medien? Hier wurde eine massive Kriminalität todgeschwiegen. Der Branche selbst muss man den Vorwurf machen, aufgrund der tollen 80er Jahre und den Verkäufen Anfang der 90er dank
der Wiedervereinigung, das Problem in einer selbstgefälligen Art verdrängt zu haben. Ich selbst wurde durch einen Hinweis auf die Sache aufmerksam. Als ich dann dieser Sache auf den Grund ging, fand ich auf einem einzigen Trödelmarkt 21 verschiedene Serien im Deutschen Schlager/Fox mit mindestens 4 nicht lizenzierten Titeln von mir, pro CD, d.h. insgesamt über 84 nicht lizenzierte Titel. Ich schätze nach umfangreichen Recherchen, dass unser Hit "Italienische Sehnsucht" (Oliver Frank) zwischen 500.000 und 1.000.000 mal illegal auf Tonträgern verkauft wurde. Übrigens habe Ich diesen Markt direkt mit der Polizei räumen lassen. Es hat mich aber viel Überzeugungsarbeit gekostet. Und die anschließenden Gerichtsverhandlungen waren auch zum Teil ein Witz und endeten zum Teil mit Freispruch oder Einstellung der Verfahren wegen "Geringfügigkeit". Erst jetzt gehen die Gerichte schärfer vor und erkennen hier zum Teil eine Bandenkriminalität.

Zum weiteren führte die Einführung von mp3 zu einem fast freien Kopieren von Musik. International operierenden Tauschbörsen wurden Tür und Tor geöffnet. Nachdem die Branche leider wieder erst mit erheblichem Zeitverzug die Gefahr erkannte, brauchte sie größte juristische Anstrengungen hier ihre Rechte durchzusetzen. Die Gerichte wussten zum Teil nicht, wie sie die neue Situation rechtlich handhaben sollte. Es fehlten zum Teil Gesetze. Es ging ja sogar soweit, dass große Computer-Magazine öffentlich im TV dafür geworben haben, die neueste Software zur Umgehung von Kopierschützen zu haben. Es wurde ein neuer Zeitgeist geprägt, gemäß dem Motto, wer kauft den noch Musik, umsonst brennen ist in. Der Trend ging soweit, dass unsere jetzige Regierung
SPD / die Grünen, vornehmlich die Gründen öffentlich eine Kampagne gestartet haben, wonach das Brennen von Musik-CDs erlaubt sein sollte, Musik quasi zum Allgemeingut wird. Musik auf CDs beinhaltet Urheberrechte und Leistungsschutzrechte. Diese Rechte sind sogenanntes "geistiges Eigentum" und stehen dem körperlichen Eigentum (Grundbesitz, Auto etc.) gleich. Das Eigentum ist grundrechtlich geschützt und ist einer der Kernpunkte unserer Verfassung und unserer Gesellschaft. Das kann man doch nicht in Frage stellen. Das ist skandalös. Und wo war da die Presse? Den Käufern kann man keinen Vorwurf machen. Es gab ja zudem zum Teil auch keine vernünftige legale Alternative. Die illegal zusammengestellten CDs waren sehr viel mehr am Markt orientiert als die zum Teil lieblos zusammengestellten "Hit"-Kopplungen der Industrie. Eine legale Download-Plattform gab es nicht. Dank Apple, die legale Downloads populär machten, und die notwendige gute Technik dafür liefern, boomt der Markt der legalen Downloads und die illegalen Downloads brechen massiv ein. Hier reagiert der Käufer sogar vorbildlich, für den ich hier ausdrücklich eine Lanze brechen möchte. Dem Käufer ist bewusst, dass es ohne Bezahlung irgendwann keine Musik mehr gibt. Und es zeigt auch, dass die Musik immer noch diese magische Anziehungskraft hat, und man "seinen" Künstler auch unterstützt. Und ich selbst habe festgestellt, dass je aufwändiger die Verpackung und das Cover ist, je mehr CDs werden verkauft. Der Käufer ist ja bereit Geld für seinen Künstler auszugeben, aber er möchte "ehrliche" und gute Arbeit dafür, er möchte nicht das Gefühl haben abgezockt zu werden. Und das ist ein Problem der Branche selbst. Nach den goldenen Jahren hat man vergessen, Qualität abzuliefern. Es war der Zeitgeist der 90er. Immer mehr und immer schneller produzieren, ganz dem Motto, geringer Einsatz - hoher Gewinn. Und gelebt hat man von den Stars der 80er. Es gab nichts Neues und schon gar nicht eine entsprechende Künstlerbetreuung. Ganz besonders deutlich wurde es an einer Namensumbenennung, aus "Künstlerbetreuern" wurden "Product-Manager". Und dann wurde die Musik immer mehr Mittel zum Zweck, um ein Produkt zu bewerben oder gar Thema einer TV-Staffel zu sein. Gott sei Dank, werden die Rufe nach Künstlern, die auch wirklich Künstler sind immer lauter. Wir brauchen mehr Persönlichkeiten und keine austauschbaren Nullen. Und wir brauchen Künstler, die auch was können. Qualität bahnt sich immer den Weg. Früher haben Bands in Kneipen gespielt, und die besseren kamen weiter. Es hat zwar zum Teil Jahre gedauert, bis man ans Licht kam, aber dann ist man auch meist da geblieben. Wir sollten mehr auf den Kernpunkt der Musik zurückkehren.

Aus den verschiedenen Problematiken erkennt man, dass das Thema David Brandes nur von untergeordneter Bedeutung ist. Es gibt wichtigere Themen. Und unabhängig von der Chartplatzierung hat sich Vanilla Ninjas gut verkauft. Alle CDs kann man da nicht aufgekauft haben, dass ist real gar nicht möglich. Was mich dann auch echt nervt ist, dass es immer um den Grand Prix diese Diskussionen gibt. Der Grand Prix war mal ein musikalischer Wettstreit der Autoren, das schönste Lied sollte gewinnen.

Es war ein Wettbewerb der Melodien und der gefälligen Pop-Musik. Weltstars wie Udo Jürgens, Abba, Jonny Logan wurden geboren. Dazu sollten wir wieder zurückkehren. Leider wurde der Grand Prix mehr und mehr zum Spielball anderer, die zum Teil diese Musik gar nicht gut finden. Hier wurde das Ergebnis zum Teil massiv beeinflusst. Geteilter Meinung bin ich dabei auch zu Stefan Raab. Auf der einen Seite zeigt er, dass das Auswahlkriterium renovierungsbedürftig ist und keine wahre Kreativität mehr zulässt, auf der anderen Seite nutzte er aber auch seine TV-Sendung und seine Medienstellung massiv aus, um seine Songs zu puschen. Dabei waren seine Songs auch nicht sonderlich erfolgreich. Auch bedenklich finde ich, dass es immer in einer gewissen Konstellation zu "juristischen" Nachspielen kommt. Immer dann wenn gewisse Titel den 2. Platz belegen, wird um den ersten Gerangelt. In wieweit das hier ein Grund ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Man muss aber auch verlieren können, gerade wenn man doch schon so herausragende Erfolge feiern konnte. Ich möchte auch erst gar nicht wissen wie viele Call-Center an dem Abend bei der TED-Abstimmung am Werke waren. O.K., das ist anscheinend legale Beeinflussung. Es zeigt aber, das ein TED-Voting eigentlich auch kein Auswahlkriterium sein sollte.

Beim Grand Prix sollte man die Auswahlkriterien ändern, obwohl diesmal mit Stefan Gwildis ja auch endlich andere Farben ins Spiel gekommen sind. Mehr davon ! Ich wäre für eine Rotation, der Produzenten, eigentlich der Autoren. Dann kommt jeder der schon lange dabei ist mal dran. Und dann keine TED-Abstimmung, sondern Meinungsforschung, Saalpublikum und Fachjury. Dann kann man nicht in dem Maße manipulieren. Zu der Produzenten- oder Autorenauswahl könnte man wie folgt verfahren. Jeder
kann sich bewerben und seinen Werdegang und seine bisherigen Leistungen darlegen. Das lässt sich ja durch GEMA, Chartplatzierungen etc. untermauern. Dann gibt es eine Art Ranking nach gewissen Kriterien von einer Jury aufgestellt. Dann wird das Ranking für eine Auslosung zu Grunde gelegt. Wer oben steht hat eine größere Wahrscheinlichkeit ausgewählt zu werden. Wer einmal ausgewählt wurde, scheidet für die nächsten 5 Jahre aus. So oder so ähnlich könnte man das machen. Man kann seine Wahl nicht !!!!! übertragen, damit anschließend keine "Verkäufe" der Startplätze stattfindet. Wer dabei erwischt wird, wird für 10 Jahre gesperrt. Es gibt also viele Möglichkeiten, den Grand Prix ausgewogener und gerechter zu machen. Vielleicht kannst Du über Deine Seite eine Umfrage zu meinem "Groben" Vorschlag machen. Vielleicht kommen ja dann noch viel bessere Ideen und Vorschläge und wir können eine Eingabe beim NDR machen. Wir werden zwar wahrscheinlich nicht gehört werden, aber versuchen könnten wir es ja. Und wer weiß, was alles passiert.


NACHTRAG

Nach neuesten Informationen des Spiegels hat David Brandes massiv manipuliert. Er soll von Gracia 9.000 Maxis aufgekauft haben, was ich fast nicht glauben kann, denn die muss man erst im Handel platzieren können. Aber, und das ist das Interessante an der Meldung, diese "Klumpungen" sind bei Media Control vom Computer automatisch nicht gewertet worden. Sonst wäre Gracia auf Platz 5. Der Platz 20 beruht ausschließlich auf bislang nicht zu beanstandenden Verkäufen. Damit ist die Entscheidung des NDR Gracia die "wild card" zu geben völlig o.k. und Gracia ist die Siegerin des Grand Prix Vorentscheid und muß nach Kiew ! Ein Lob auch an den NDR, dass er so besonnen geblieben ist. Ich habe mich im Thema Grand Prix oft über den NDR geärgert, aber hier ist ein dickes Lob angebracht.

Ich bleibe aber dabei, die Auswahlkriterien müssen grundlegend geändert werden !

Ulrich Moorlampen

Geschäftsführer

SAM Media Tonträger Vertriebs GmbH

Sound Around Music Tonträger GmbH

 

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