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12.11.2006 - 00:00:00
FRANZ JOSEF DEGENHARDT
Wissenswertes über seine aktuelle CD "Dämmerung"!
Im Dezember wird er 75: FRANZ JOSEF DEGENHARDT, die Liedermacher-Legende. Den "Abend eines Lebens" nennt man dieses Alter für gewöhnlich. Im Albumtitel "Dämmerung" ist das metaphorisch eingefangen und beschreibt gleichzeitig die atmosphärische Grundierung, welche, musikalisch wie lyrisch, das neue Degenhardt-Werk durchzieht. Er ist dabei der Chronist geblieben, der er schon immer war. Poesie, Musik und Politik sind für ihn untrennbar von Moral. Und genau das ist es auch, was Franz Josef Degenhardt seit vielen Jahrzehnten für die deutsche Kulturszene so unersetzlich macht.
Das Titelstück gibt dabei die Richtung vor: friedliche Abendstimmung, Amseln flöten, die Tauben nicken ein. Aber dem Sänger, vorm Wein im Garten sitzend, bleibt in der dritten Strophe dieses Bild im Kopf stecken: der Gefolterte auf der Kiste / elektroverdrahtet, zum tödlichen Schlag / die schwarze Kapuze, das grässliche Grinsen / dieser Befreier des Irak. So beginnt die Platte. Väterchen Franz hebt noch einmal an. Zu zehn neuen Liedern, mischt sich ein, erzählt Geschichten, beschreibt die Lage. Die eigene und die der Welt, was zu keiner Zeit seines Schaffens voneinander zu trennen gewesen wäre. "Sie ist in den Wald gegangen" steht dafür beispielhaft. Degenhardt singt das Lied für eine längst gestorbene Verwandte und verrät dabei viel über die eigene Prägung und das, was einen nonkonformen Charakter ausmacht – auch heute, in einer Gesellschaft, die wieder verstärkt den elitären Idealen ihrer selbsternannten Leistungsträger und anderen "höheren Wesen" huldigt.
Als Meister der zeitgenössischen Ballade in der Tradition Brecht-Wedekind-Tucholsky erzählt FJD auf Dämmerung auch wieder seine alltäglich-skurrilen Geschichten aus den gesellschaftlichen Randbezirken, von Schmuddelkindern und Antihelden, wie dem frisch aus dem Seniorenheim geflohenen "Onkel Allbright", dem einstigen Bombenleger und heutigen Kneipen-Sonderling "Bruder Hans" oder dem alten Kumpan "Fuchs auf der Flucht", dem Degenhardt ins Grab hinterher eine Hommage und sich selbst dabei den Tod vom Leibe singt. Musikalisch ist er dabei auf den Punkt wie selten zuvor: Gesang, Gitarre, Mundharmonika – von ihm selbst eingespielt. Ansonsten nur wenige zusätzliche Instrumente, eingebettet in sparsame Arrangements. Der Blick aufs Wesentliche wird freigelegt, die Wirkung der Textebene unterstützt, ohne Klischees zu bedienen. "Poetisches Musizieren" möchte man das nennen. Die Könnerschaft versteht sich dabei von selbst, muss nicht mehr bewiesen werden. Am stärksten tritt dieses Verfahren im Schlussstück, dem "Traumritt", zu Tage. Die von Degenhardt in den letzten Jahren entwickelte Gattung des epischen Ein-Akkord-Strophen-Liedes kommt hier zu seiner Perfektion.
In Raum und Zeit gedehnte Textmalerei, zu programmierten Soundschleifen, darüber live eingespielte, teilweise improvisierte Instrumentalstimmen – alles ohne große Geste, einfach auf der Höhe der Zeit. Mit drei musikalischen Adaptionen bzw. Vertonungen von Peter Hacks, Werner Helwig und Oswald von Wolkenstein zeigt FJD auf seinem neuen Album ganz nebenbei, dass das Covern von Stücken hinsichtlich Auswahl, Bearbeitung, Interpretation und Kontextualisierung eine ganz eigene Disziplin darstellt, die er eindrucksvoll beherrscht. Degenhardt hat im Verlaufe seines bald 50-jährigen Schaffens das politische Lied von der Folkmusik emanzipiert und zu einer eigenständigen Kunstform ausgebaut, indem er es für diverse Einflüsse von Jazz über Reggae bis HipHop geöffnet hat. Er ist aber auch eines der letzten Brückenglieder zwischen der Tradition der 20er und 30er Jahre und einer neuen Generation politischer Künstler in Deutschland. "Dämmerung" ist ein nachdenklicher Kontrapunkt zur aktuellen Vernebelungstaktik einer frohgelaunt Richtung sozialem Abgrund winkenden Wirtschafts- und Politikerkaste. In profitablen Netzwerken verbunden spielen sie unverfroren ihre menschenverachtenden Globalisierungsgames. Da hilft's - scheint es - nur "der sanfte Schlummer, treuer Krug" (Horaz). Doch Degenhardt lässt sich nicht entmutigen: Furchtlos symbolisiert er mit seinen Liedern wie eh und je ein moralisches Bollwerk gegen die Gleichgültigkeit. Übrigens: In diesem Herbst erscheint das Buch "Franz Josef Degenhardt – Die Lieder" (Eulenspiegel Verlag). Es enthält erstmals sämtliche, auch bislang unveröffentlichte Songtexte – komplett, inklusive Noten und Akkordsymbolen. Sein musikalisches Gesamtwerk umfasst insgesamt 30 CDs, alle im Universal-Katalog gelistet.
Quelle: Koch Universal
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