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22.08.2007 - 00:00:00

FALCO
"Einzelhaft – 25th Anniversary Edition" (2 CD) - in der Kritik von Holger Stürenburg!

Musikkenner wissen es längst: die Stürenburgschen CD-Kolumnen sind einfach unübertreffbar...:

Der von vielen Soziologen und Zeitgeistforschern als "legendär" apostrophierte "Summer of Pop" 1982 war hierzulande in musikalischer Hinsicht überwiegend von dem so grellen, bunten, wie überaus vielfältigen und breitgefächerten Phänomen der Neuen Deutschen Welle (NDW) gekennzeichnet. Der traditionelle Mitklatsch-Schlager der 70er Jahre hatte endgültig ausgedient, auch und gerade einheimische Sänger, Bands und Projekte bekannten sich – so ungezwungen, locker, offensiv, frech und keß, wie noch nie zuvor – zu ihrer Muttersprache. Plötzlich und unverhofft florierten modernste Töne aus Rock, Pop und New Wave, die mit mal mehr, mal weniger intelligenten, aber eben deutschen Texten versehen waren. Alles, was sich vor einem Vierteljahrhundert auf Deutsch präsentierte, und weder nach althergebrachtem Schlager, noch nach dem oft verquast ideologisch ausstaffierten, agitativen Politrock der 68er-Generation klang, wurde von Markt und Medien umgehend in die NDW-Schublade gepfercht.

Doch beileibe nicht alles, was sich dort auf einmal wiederfand, paßte auch tatsächlich in jenes stilistische Umfeld. So wurde etwa der schüchterne Hamburger Joachim Witt mit seinen depressiv-zeitkritischen Gitarrenhymnen a la "Goldener Reiter" ebenso ganz zu Unrecht zur NDW gezählt, wie die Berliner Deutschrocker von "Spliff", die viel eher diffizilen Großstadtrock auf internationalem Niveau darboten, als den Sommer 1982 wie ein Moloch durchziehende NDW-Schlagerchen der Sorte "Hohe Berge" (Frl. Menke), "Rosemarie" (Hubert Kah) oder "Sommersprossen" ("UKW").

Ein weiterer, später zu Weltruhm gelangender Künstler aus dem tiefsten Wien wurde ebenfalls ohne jeglichen tatkräftigen Beweis der nicht unumstrittenen NDW-Ecke zugerechnet: Hans Hölzl alias Falco, zuvor Bassist der alpenländischen Schockrock-Combo "Drahdiwaberl", kurz darauf ein paar Wochen lang Teil der Top-40-Band "Spinning Wheel", kreierte eine für brave deutsche bzw. österreichische Verhältnisse vollkommen ungewöhnliche Art von Musik, welcher die alles in den Schatten stellende NDW-Szene des Jahres 1982 zwar kommerziell enorm half, die aber zugleich mit seinerzeitigen Neo-Schlagerblödeleien nicht das geringste gemein hatte.

Unter der Ägide des Wiener Starproduzenten Robert Ponger, der Ende der 70er das "Rock-Urvieh" Wildfried, sowie den Ex-Lehrer "Bilgeri" in seinem Heimatland groß herausgebracht hatte, ersann Hans Hölzl, der sich aus Verehrung für den "DDR"-Skispringer Falko Weißpflog, dessen Vornamen als künftiges Pseudonym ausgesucht hatte, eine global jederzeit konkurrenzfähige Melange aus zeitnaher New Wave, staubtrockenem, baßlastigen Streetfunk, eisigem Synthipop und Anfang der 80er so nach und nach aus den düsteren Farbigen-Ghettos US-amerikanischer Metropolen in Richtung weltweiter Hitparaden hervorstrebendem Rap.


 



Ponger, den das österreichische Politmagazin "NEWS" als "besten Produzenten" innerhalb der bis zu seinem viel zu frühen Tod 1998 rund 16jährigen Solokarriere des "Falken" bezeichnet hatte, erschuf an für damalige Verhältnisse brandaktuellen Keyboards und Synthesizern die musikalischen Grundlagen früher Falco-Titel; der Sänger und Bassist fand zu diesen cool-überkandidelten Klangkonstrukten trefflichste Worte, die den Zeitgeist des brodelnd-brillanten Jahres 1982 so köstlich, wie ironisch und stets historisch einwandfrei aufspießten.

Kurz nach Jahresbeginn 1982 erschien "Der Kommissar", Falcos heutzutage längst Legendenstatus innehabendes Singledebüt auf dem deutschen und österreichischen Schallplattenmarkt. Zu einer so technokratisch-kühlen, wie feurig-mitreißenden Funkkomposition aus der Feder Roberts Pongers, rappte Falco moritatenähnlich die ausweglose Geschichte eines strauchelnden V-Mannes der Polizei in der Wiener Drogenszene, wobei gerade die Mixtur aus deutschen, englischen und typisch "weaner" Wortfetzen den speziellen Charme des unverbrüchlichen Evergreens ausmachten.

"Der Kommissar" befand sich hierzulande bereits im April 1982 in den Top 10 und konnte in Bälde die Spitzenposition der "Media Control"-Listen einnehmen. In diversen bundesdeutschen Fernsehsendungen war Falco nun zu Gast, sein Singleerstling wurde im Radio rauf und runter gespielt, wodurch der stets positivst dekadente, geschniegelte Paradeyuppie immer eindeutiger zum Zeitgeist-Thema Nummer Eins avancierte, und "Der Kommissar" bald mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurde.

Alles wartete im Frühsommer 1982 also gespannt auf die erste LP-Stellungnahme von Falco. Mitte Juni war es dann soweit: Es erschien das Debütopus "Einzelhaft", das Mal Sandock, legendärer WDR-Moderator, im Rahmen einer seiner damaligen, allwöchentlichen Rundfunkhitparaden, als "wahrhaft kriminelles Album" bezeichnete, was zum einen den Nagel punktgenau auf den Kopf traf, und zum anderen mehr als nur lobend und unterstützend gemeint war.

25 Jahre später – also, im Sommer 2007 – legte SONY-BMG nun eine "25th Anniversary Edition" von "Einzelhaft" vor, die nicht nur eindeutig beweist, daß die zehn Titel des Albums zwischenzeitlich geradezu als geschichtsunterrichtstauglich ausgerufen werden können, da sie das Denken, Fühlen und Leben zu Zeiten ihres Entstehungsjahres wie kaum ein anderer 1982er-Beitrag aus der deutschsprachigen Rock- und Popszene prägnant und spitz zugleich ausdrücken und widerspiegeln, sondern auch, daß alle zehn musikalischen Kleinode von "Einzelhaft" letztlich zeitlos sind und bleiben, und sogar anno 2007 noch dieselbe Kraft, denselben Charme und dieselbe Intensität in sich tragen, wie ein Vierteljahrhundert zuvor.

Auf CD-01 vorliegenden, fesch verpackten, im Original-Artwork gehaltenen Doppelalbums befinden sich, Dank "Digital Remastering" auf heutigem technischen Standard klanglich in Bestform, jene zehn musikalischen Zeitzeugnisse, die 1982 auf der Original-Vinylscheibe erstmals den Fans präsentiert wurden. Jede einzelne Nummer steht für sich, jede ist und bleibt auf krasseste Weise authentisch, ehrlich, mal lasziv, mal eiskalt, mal beißend ironisch, dann wiederum deftig-offensiv.

Viele Titel von "Einzelhaft" halten sich inhaltlich im "Milieu", auf den dunklen Seiten der pulsierenden Großstadt, auf. Der zackig-unterkühlte Eröffner "Zuviel Hitze", eine verschroben-wehende Synthiode bester Machart, berichtet etwa von einer Drogenprostituierten, die das bürgerliche Lied-Ich aus der Gosse holen wollte, wobei es aber an den Gesetzen des Milieus, der Straße, der Szene, scheiterte und am Ende der Nacht nur noch feststellen konnte, daß Polizisten seine Geliebte nach dem "Goldenen Schuß" tot aufgefunden haben.

Um eine berechnende, gerissene, aber eben noch sehr minderjährige Discoschönheit, die sich stets an der Grenze zur Illegalität aufhält, ein erwachsenes Männerherz nach dem anderen bricht, um die großjährigen Tanzsaalhelden dann ins offene Messer laufen zu lassen, dreht es sich im musikalisch – die lyrische Aussage auf genialische Weise konterkarierend – locker-süßlich gehaltenen Discopopper "Siebzehn Jahr".

Das selbstkomponierte, klirrendkalte Synthidrama "Ganz Wien (ist heut auf Heroin)" hatte Falco erstmals bereits 1980 mit seiner früheren Band "Drahdiwaberl" aufgenommen. Die darin keck und anarchisch aufgestellte These, die wichtigsten Protagonisten der österreichischen Landeshauptstadt besäßen allseits eine große Affinität zu illegalen Rauschmitteln, hatte schon damals für enormen Wirbel, erbitterte Diskussionen und einen konsequenten Radioboykott des zynisch-treffsicheren Popkommentars gesorgt, zumal es der Chefprovokateur vom Dienst auch nicht unterlassen konnte, zumindest die Vornamen des seinerzeitigen österreichischen Bundeskanzlers Bruno Kreisky (SPÖ) und seines innerparteilichen Gegenspielers Hannes Androsch deutlich hörbar auszusprechen.

In rasanten, rasenden, so treibenden, wie getriebenen Up-Tempo-Rocker "Auf der Flucht" zieht das (zu späterem Zeitpunkt) selbsternannte "Kunstprodukt der 80er Jahre" Falco auf präzis gewiefte Weise historische Parallelen zwischen den Studentenunruhen 1967 in Berlin und dem Häuserkampf 1982 in Zürich.

Für uns Pennäler der anbrechenden 80er Jahre eine wahre Freude, für unsere Eltern dagegen Subversion und Aufwiegelung pur: Der hymnische, wuchtige, rifflastige Ohrwurm "Nie mehr Schule", der augenzwinkernd über allzu autoritäre Pädagogen, frühreife Abiturientinnen und rebellische Gymnasiasten resümierte.

Die Aussteigermentalität jener Tage, als es gutbetuchte Kreise nicht selten vorzogen, nach Australien, Hawaii, Panama, Kenia oder andere ferne Länder auszuwandern, anstatt in Europa Atom- und Kriegsängste erleiden zu müssen, karikierte Falco auf vorzügliche Manier im einerseits plakativ ausgeglichen-jazzigen, andererseits stakkatohaft überzeichneten Synthipop-Epos "Hinter uns die Sintflut".

Einen besonderen Höhepunkt auf "Einzelhaft" stellt die grandiose Synthimelodie "Helden von Heute" dar, die zwar einst nur als Single-B-Seite des "Kommissar" fungierte, aber ein derart geballtes Pensum an zeitgeschichtlicher Relevanz aufwies, daß gerade dieser Titel zu einem ewigen Fan-Geheimtip erwuchs und ihm 2007 mindestens dieselbe künstlerische Brisanz und Brillanz zugestanden wird, wie der monumentalen A-Seite: Auf den Harmonien von David Bowies diabolischem 1977er-Klangkonstrukt "Heroes", parodierte Falco fünf Jahre später in schlichten, aber ein ums andere Mal kongenial gewählten Worten die aufstrebende Yuppieszene, mitsamt ihres Hedonismus, ihrer aufgesetzten Eleganz, ihrer Arroganz und ihrer harschen Oberflächlichkeit. Bowie-Fan Falco hatte hiermit seinem großen Idol eine mehr nur als phänomenale Referenz erwiesen, ohne diese jedoch als platte Kopie, als uninspirierten Abklatsch, daherkommen zu lassen.

Als zweite – und letzte – Single aus "Einzelhaft wurde im Juli 1982 der powervolle Rap "Maschine brennt" ausgekoppelt, der auf brachial-sarkastische Art und Weise einen mißglückten Flugzeugabsturz und dessen nicht ganz so angenehme Folgen schilderte. "Maschine brennt" konnte den überdimensionalen Erfolg des "Kommissar" allerdings nicht wiederholen. Nur für eine Woche lang, gelang es diesem Titel, der rein musikalisch, auch und gerade betreffs der drastischen Rap-Passagen, tatsächlich wie ein Art Plagiat des Debüts wirkte, die einheimischen Top 10 zu streifen, so daß viele Beobachter die Vermutung äußerten, bei Falco würde es sich ebenfalls um ein schnell emporgestiegenes und genauso rasch wieder verglühendes NDW-Sternchen handeln, derer es 1982/83 nur allzu viele gab. Doch spätestens 1985, als Falco, beinahe gänzlich vergessen, urplötzlich mit "Rock me Amadeus" erneut im internationalen Popgeschehen auftauchte, stellte sich schleunigst heraus, daß sich 1982 nicht wenige Popfans, wie Fachleute, in ihrer pessimistischen Prophezeiung gleichermaßen eindeutig getäuscht hatten.

Die dem regulären "Einzelhaft"-Album beigefügte Bonus-CD wartet mit einem hochgradig gelungenen, sehr gitarrenverstärkten 2007er-Remix von "Nie mehr Schule", sowie der ultrararen, englischgesungenen Fassung des einstigen Skandalhits "Ganz Wien" (hier: "That Scene") auf. Zudem beantwortet Falco über 35 Minuten lang die Fragen des Journalisten Norbert Ivanek, den der "Falke" am 22. Dezember 1993 in sein Wiener Büro eingeladen hatte, um mit ihm das Konzept für eine ihn betreffende Biographie zu erörtern. Ein ausgeglichener, wenn auch – wie immer – typisch marinierter Künstler äußerte sich hierbei nicht nur zu seinen ersten drei LPs, zu seinem weltweiten Ruhm nach "Rock me Amadeus", sondern machte sich gleichfalls so präzise, wie leicht verschrobene Gedanken darüber, wie es wohl nach dem 1989/90/91 vonstatten gegangenen Zusammenbruch der kommunistischen Diktaturen im Osten weitergehen möge.

"Einzelhaft" ist eine Produktion, die unterschiedslos in den Plattenschranken eines jeden Musikfreundes, wie gleichfalls eines jeden Zeitgeschichtlers gehört. Soviel Zeitgeist des Jahres 1982 gibt es sonst wahrscheinlich nirgendwo nachzuhören, nachzuempfinden, nachzuerleben.

Was "Monarchie & Alltag" ("Fehlfarben") für 1980, "Heiße Zeiten" ("Geier Sturzflug") für 1983, "Irgendwo in Deutschland" (Wolf Maahn) für 1984 oder "Sündenknall" (Udo Lindenberg) für 1985 bedeutete, stellte "Einzelhaft" unzweifelhaft für das so verwirrend-verworrene, wie traumhaft-neuromantische Jahr 1982 dar: Eine auf gerade mal knapp 42 Minuten komprimierte Geschichtsstunde in Sachen Leben, Lieben und Leiden im Jahr von "Neuer Deutscher Wende" und "Geistig-Moralischer Welle"!


Gesamtnote: Bestwertung

Quelle: Holger Stürenburg, 18./19. August 2007

 

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