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18.02.2007 - 00:00:00

FALCO
Die Doppel-CD "Hoch wie nie" - von Holger Stürenburg unter die Lupe genommen!

Das Doppelalbum - es gibt im Übrigen auch eine gleichnamige DVD - schoss aus dem Stand auf Platz 2 der deutschen Charts (in Österreich von 0 auf 1)!

Am 19. Februar 2007 wäre der Urwiener Yuppiecharmeur FALCO 50 Jahre alt geworden. Das selbsternannte "Kunstprodukt der 80er Jahre" verewigte in seinen Liedern, wie kaum ein Zweiter seiner Gattung, den positiv dekadenten Zeitgeist der kühlen Dekade – und konnte sich zugleich mit mehreren seiner kreativen Ergüsse überall auf der Welt auf den höchsten Rängen der Charts wiederfinden. In den 90er Jahren sank Falcos Ruhm immens – sein fundamentales Comeback, 1998 mit dem introvertiert-abstrakten Album "Out of the Dark", konnte der als "Johann Hölzel" geborene Kosmopolit jedoch nicht mehr selbst erleben: Kurz vor Veröffentlichung der CD, starb Falco bei einem Autounfall nahe der Stadt Montellano in der Dominikanischen Republik.

Ein halbes Jahrhundert Falco war für SONY-BMG Grund genug, ein proppevolles Doppelalbum mit allen wichtigen Hits, spannenden Eingeweihten-Tips und ein paar rareren Schmankerln zusammenzustellen, das vor wenigen Tagen das Licht des Marktes erblickte: "Hoch wie nie" stellt gerade deshalb einen herausragenden Pop-Höhepunkt dar, da das 140-Minuten-Repertoire der Doppel-CD nicht nur mit Falcos unvergeßlichen 80er-Hämmern, die seinerzeit bei dem österreichischen Label GIG Records erschienen sind, sondern gleichfalls mit späteren Klangdramen, aus seiner Phase bei der Kölner EMI, aufwartet. Somit bietet "Falco – Hoch wie nie" für Fans, wie Einsteiger, eine rundumgelungene Werkschau, die letzten Endes kaum Wünsche offen läßt.

Die unvergleichliche Karriere des chronischen Schulschwänzers Falco begann mit dessen Engagement bei der Wiener Schockrock-Combo "Drahdiwaberl", als deren Bassist er fungierte. Bei Konzerten von "Drahdiwaberl" trug "der Falke" während Umbaupausen immer wieder seine new-wave-lastige Komposition "Ganz Wien (ist heut auf Heroin)" vor, löste damit eine breitgefächerte Debatte um mutmaßlich überhöhten Drogenkonsum in der österreichischen Landeshauptstadt aus und landete gleichsam einen stadtbekannten Szenehit.

Das klirrend kalte Synthikonstrukt "Ganz Wien" fand 1982 Platz auf Falcos genialischer Debüt-LP "Einzelhaft" – und 2007 selbstverständlich auf "Hoch wie nie".

Die ab Mitte 1981 europaweit grassierende Neue Deutsche Welle (NDW) tat das übrige dazu, daß sich der stets geschniegelt und gegelt auftretende Paradeyuppie alsbald zu den größten Hoffnungsträgern dieses nicht unumstrittenen Musikspuks zählen konnte. Dazu trug in erster Linie und historisch unwiderruflich der legendäre "Kommissar" bei; eine fetzige, funkige Komposition des Falco-Entdeckers Robert Ponger, zu dem sein Schützling ein köstliches, deutsch/englisches Wort-Gemisch ersonnen hatte, das aus der Sicht eines V-Mannes des Wiener Drogendezernates über das Leben und Sterben in der städtischen Rauschgiftszene berichtete.

Fast ebenso beliebt, wie "Der Kommissar", war und ist die damalige Single-B-Seite des formidablen Einstiegshits, "Helden von Heute": Auf beinahe denselben Harmonien aufgebaut, wie David Bowies unvergeßliche "Heroes", schwadronierte der damals knapp 24jährige Sänger und Lyriker über die herausragendsten Momente des Lebensstils zu Beginn der 80er Jahre. In dem gehetzten, rasanten Synthirocker "Auf der Flucht" dagegen zeichnete Falco Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Studentenprotesten 1967 in Berlin und den Häuserkämpfen 1982 in Zürich nach.

Mit derart fundierten, häufig ironisch zugespitzten, zeitgeschichtlichen Betrachtungen, avancierte "Einzelhaft" zu einem der lehrreichsten Zeitgeist-Spiegel des gesamten Jahres 1982, der noch heute eine Menge typisches, unkopierbares Flair des "legendären Sommers", in den Tagen von wirtschaftlicher Rezession und kommenden Kohl’schen "Wende"-Versprechungen, ausstrahlt, selbst, wenn die zweite Singleauskoppelung daraus, der knallige Rap "Maschine brennt", bei weitem nicht mehr die hohe Reputation ihres Vorgängers zu erzielen vermochte.

1984 galt Falco längst als "Alain Delon des Austropop" (Werbetext) und veröffentlichte im Frühsommer das so fundamentale und monströse, wie grazile und sensible Album "Junge Roemer", das geneigte Medien bald zur "deutschen Antwort auf "The Lexicon of Love"", dem wegweisenden Synthipop-Meisterwerk der britischen Edelpopper "ABC", ausriefen.

Zwar floppte "Junge Roemer", sowohl auf dem deutschen, als auch auf dem österreichischen Markt. Dennoch zählt die LP bis heute zu den von konsequenten Falco-Fans am meisten goutierten Tonträgern ihres Idols.

Gleich sieben Titel einer der meistunterschätztesten Popperlen der 80er Jahre fanden daher auch ihren Weg auf vorliegende Doppel-CD: Neben der titelgebenden, (entfernt an frühe Rap-Versuche von "Grandmaster Flash & the Furious Five" gemahnenden, aber stets die Contenance bewahrenden) Keyboardorgie "Hoch wie nie", dem letztlich sprichwörtlichen Perfekten Popsong "Nur mit Dir" und dem Mauern zum Einstürzen bringen könnenden Neureichen-Melodram "Junge Roemer", sticht besonders der luftig-leichte Popsschlager-Ohrwurm "Kann es Liebe sein" aus den für "Hoch wie nie" ausgesuchten 1984er-Falco-Titeln hervor.

Genau bei dieser legeren, superleckeren Pop/Rock-Melange findet sich allerdings auch das einzige Manko der aktuellen Falco-Kompilation. Um den zugebenermaßen sehr schwachen Verkauf von "Junge Roemer" anzukurbeln, kamen die Verantwortlichen bei GIG Records Mitte 1984 auf die Idee, "Kann es Liebe sein" in einer Duettversion mit Showmäuschen Desiree Nosbusch als Single an die Front zu schicken. Ein gewagtes Unterfangen, das zwar kommerziell nichts herauszuholen in der Lage war, sich im Laufe der Jahre aber zum absolut raren, viel gesuchten Singlechen entwickelte, das BIS HEUTE noch niemals im CD-Format bedacht wurde.

So hätte es ultimativen Falco-Freaks, Chronisten und Sammlern bestimmt äußerst imponiert, wenn die Herren in der Katalogabteilung von SONY-BMG statt der schon vielfach verkoppelten Solofassung von "Kann es Liebe sein" vielmehr das ultrarare Duett von Falco und Desiree auf "Hoch wie nie" aufbereitet hätten.

Im Sommer 1985 hatten die meisten Musikfreunde Falco wahrscheinlich längst vergessen, als wie ein Donnerschlag, dessen ungewohnt hardrockige Rap-Single "Rock me Amadeus" erstmals durch die Radios dieser Republik huschte. Die augenzwinkernde Hommage auf Falcos klassischen Landsmann W.A. Mozart, schlug ein, wie eine Bombe. Fast auf der ganzen Welt, sogar in Kanada, den USA und Rußland, konnte der Evergreen bald den ersten Rang der Hitparaden erstürmen. Hierzulande verblieb "Rock me Amadeus" vier Wochen lang auf der Spitzenposition und avancierte zu dem Sommerhit des Jahres 1985 per Excellanze.

Im darauffolgenden Herbst wurde das dritte Falco-Opus unter dem schlichten Titel "Falco – 3" veröffentlicht. Geradezu jedes einzelne Stück daraus genießt seit damals unverbrüchlichen Kultstatus. Ob der flotte Funkrocker "Vienna Calling", das vieldiskutierte Entführungs-Epos "Jeanny" oder die plietsche "Cars"-Bearbeitung "Munich Girls (Looking for Love)" – mit "Falco – 3" hatte der Inbegriff der 80er-Jahre-Coolness tatsächlich einen real existierenden Meilenstein des Austropop geschaffen. Die auf dieser LP erstmals berücksichtigte Bob-Dylan-Coverversion "It’s all over now, Baby Blue" hören wir auf "Hoch wie nie" übrigens in einem bereits 1982 erschaffenen, noch nie zuvor offiziell erhältlichen "Rough Mix".

Ein Jahr später ließ Falco diesem Highlight das enorm vielseitige Konzeptalbum "Emotional" folgen, das, wie abzusehen war, im Spätsommer 1986 sogleich auf den ersten Rang der deutschen, wie österreichischen Charts schoß. Aus dieser wunderbar zeittypischen Produktion suchten die Verantwortlichen bei SONY-BMG zwar nicht unbedingt die besten ("Crime Time", "The Star of Sun and Moon", "Les Nouveaux Riches"), dafür jedoch die erfolgreichsten Songs heraus: So etwa die erste Singleauskoppelung "The Sound of Musik", im Rahmen deren Textes der oft als blasiert und arrogant gescholtene Megastar sogar den kurz zuvor neugewählten, nicht unbedingt gedächtnisstarken österreichischen Bundespräsidenten Kurti "Pflichterfüllung" Waldheim persiflierte, sowie die Folgesingle "Coming Home (Jeanny Part 2)", in der Falco die polarisierende "Jeanny-Saga" seines vorherigen Albums kongenial weiterspann, oder den gemütlich-sommerlichen Titeltrack "Emotional", der sich allerdings im Frühsommer 1987 wiedererwarten nicht als Chartbreaker etablieren konnte.

Je älter die 80er Jahre wurden, desto deutlicher sank der Stern eines der faszinierendsten Protagonisten jener Ära. Von Falcos 1988er-LP "Wiener Blut" fand ausschließlich der schnittige, drastische, dralle Titelsong Platz auf "Hoch wie nie", dem vollkommen mißverstandenen 1990er-Werk "Data de Groove" erging es ebenso.

Zur Dekadenwende 80er/90er war Falcos Ruhm verblaßt. Keiner dachte mehr an den Helden des coolen Jahrzehnts. Erst 1992 wagte sich der Altstar der 80er ein weiteres Mal mit einer neuen CD an die Öffentlichkeit. "Nachtflug" hieß der Tonträger, der im Herbst 1992 für Furore sorgen sollte. In seinem Heimatland Österreich gelang Falco damit ein Comeback bester Güteklasse; hierzulande galt die vorzügliche Arbeit, derer sich anhand des Titelsongs und des frechen Rap/Funk/Synthi-Gebräus "Titanic" auch "Hoch wie nie" in bester Form entsinnt, nur als Geheimtip unverbesserlicher Alt-80er.

1996 nannte sich Falco zunächst "T M A" und kurz darauf "T M B", und sandte zwei extrem Tekkno- bzw. Dancefloorlastige Singles ins Rennen: "Mutter, der Mann mit dem Koks ist da", ein radikal rhythmisiertes und lyrisch leicht abgeändertes Remake des gleichnamigen Schlagers aus den 50er Jahren, das in Österreich, wie Deutschland, neues, positives Licht auf den Interpreten warf, sowie die Neukomposition "Naked", die allerdings merkwürdig austauschbar bis langweilig ertönte, so daß eine umfangreichere Nachfrage entsprechend ausblieb.

Ja, und kurz nach Falcos frühem Tod im Frühjahr 1998 erschien das eigentlich als grandiose Rückkehr ins internationale Musikgeschäft gedachte Abschiedsepos "Out of the Dark", dessen übermäßigen Erfolg der Verantwortliche des Ganzen bekanntlich leider nicht mehr miterleben konnte. Den knisternd balladesken Titelsong – mit der inzwischen ganze Philosophielehrgänge beschäftigenden Textzeile "Muß ich denn sterben / um zu leben? – und die freche Selbstparodie "Egoist" – beides krosse Top-10-Hits in Deutschland, wie Österreich – hören wir daraus auf "Hoch wie nie".

1999 gab es noch eine Kollektion zu kaufen, auf der überwiegend hochinteressante, bislang unveröffentlichte Falco-Kleinode versammelt waren. Hieraus kommen der schnittige, rockorientierte Titelsong "Verdammt, wir leben noch" und der symphonische Mid-Tempo-Hymnus "Europa" auf "Hoch wie nie" zum Zuge.

Eine liebevolle Hommage auf den Jubilar, "Tribute to Falco", konzipiert von seinen langjährigen Erfolgsproduzenten Bolland & Bolland, sowie ein aktueller, aber keinesfalls nervtötender Neumix des 1985er-Albumtitels "Männer des Westens – Any Kind of Land" beschließen eine nahezu perfekte Hit-Zusammenstellung, an der es im Grunde genommen nichts auszusetzen gibt:

Beste Klangqualität, ausnahmslos hochwertiges Songmaterial, keinerlei Durchhänger – auf Deutsch gesagt: Eine Best-of-Kompilation, die diesen Namen ohne jeglichen Zweifel für sich in Anspruch nehmen darf!

Gesamtwertung: 1


 

Quelle: Holger Stürenburg, 10./11. Februar 2007

 

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