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02.06.2008 - 00:00:00

EXTRABREIT
Event-Bericht von Holger Stürenburg: Konzert und CD-Release Party "Neues vom Hiob"!

Hamburg – 9. Mai 2008 – "Knust"!

Konzertäre Darbietungen der Hagener "Deutschrockband" "Extrabreit" vermitteln regelmäßig den Eindruck einer schnellen, rasanten, drastischen Geschichtsstunde in Sachen Nachkriegsgeschehen. Kaum eine andere Truppe, die in den 80ern groß geworden ist, repräsentiert(e) in ihren Songs soviel historisch Bedeutsames, wie die in Würde gealterten Jungs um Sänger Kai Hawaii (51) und Gitarrist Stefan Kleinkrieg (52).

Am vergangenen Freitag, 09. Mai 2008, erlebten wir Hamburger im Veranstaltungszentrum "Knust", unweit des linksalternativ geprägten Schanzenviertels, nicht nur einen "normalen" Auftritt von "Extrabreit", sondern zugleich die Vorstellung der an eben jenem Tag erschienenen, aktuellen – insgesamt zwölften – CD der nimmermüden Hagener, die wahrhaftig lyrisch, wie musikalisch, das Beste darstellt, was das wilde Quintett seit seinem ewig unterschätzen, stark textlastigen 1991er-Opus "Wer Böses denkt, soll endlich schweigen" vorgelegt hat.

Trotz eines extrem heißen Frühsommerabends und des zeitgleich stattfindenden "Hamburger Hafengeburtstags", war das "Knust" mehr als nur gut gefüllt, vor allem natürlich mit 80er-affinen Zeit(geist)zeugen und Beinhart-Fans der "Breiten", mit deren radikaler, deftiger Musik, zwischen Punk, Rock’n’Roll und hymnischem New Wave, die anwesenden Mitt- bis End-30er letztlich intim aufgewachsen sind – wobei erwähnt werden muß, daß es "Extrabreit" ein ums andere Mal gelingt, auch viele "Nachgeborene", Jungs und Mädels um die 20, in ihre Konzerte zu locken.

Kurz nach 21.00 Uhr betraten die Urmitglieder Kai Hawaii und Stefan Kleinkrieg, sowie ihre vergleichsweise jugendlichen Begleiter, modisch konsequent 80er-orientiert, in schwarzen Anzügen, mit nett-peinlichen Lederkrawatten ausstaffiert, die Bühne des gemütlichen Clubs nahe des Heiligengeistfeld und legten nun für fast zweieinhalb Stunden los – wobei sich Klassiker aus den 80ern und 90ern mit Beiträgen aus "Neues aus Hiob" (Rodeostar Records/SPV), dem brandneuen Meisterwerk von "Extrabreit", eine phänomenal austarierte Waage hielten.


 



Die überzeichnet satirische Aufspießung des 1981/82 aufkeimenden Yuppie-Hedonismus, "Glück & Geld", die beißend sarkastische, grollend-introvertierte Anti-Hymne auf die "Polizisten" dieser Welt, die – Textzitat – "jeden Tag immer mehr" werden, der ironisch-grelle Lobgesang auf einen umjubelten Teeniestar, "Ruhm", die selbstparodistische Einschätzung von "Punk-Entertainer" Kai Hawaii als "Hart, wie Marmelade", die rasend schnelle Ode auf den gescheiterten "Lottokönig" oder die grelle Darstellung des medialen Kurzzeit-Phänomens "3 D", welches sich Anfang/Mitte 1982 erfolglos anschickte, die Fernsehwelt zu revolutionieren, oder das so liebenwerte, wie überspitzte ‚Sozialdrama’ "Junge, wir können so heiß sein", sind fraglos 80er-Kultur pur – erklingen aber dennoch dermaßen zeitlos, daß diese grandiosen zeitgeschichtlichen Novellen heutzutage nicht weniger aktuell, frisch und fruchtig wirken, als seien sie soeben erst geschrieben worden.

Diesen unverbrüchlichen Evergreens stehen die 15 (plus ein Bonustrack) Titel des brandneuen "Extrabreit"-Meilensteins "Neues von Hiob" in nichts nach, von denen die Band über die Hälfte am vergangenen Freitag im "Knust", voller Spielfreude und Intensität, uraufführte.

Da wäre z.B. der – und hier ist sich der Rezensent ganz sicher – kommende Kulthit "Andreas Baaders Sonnenbrille" hervorzuheben – ein anarchischer, rasanter Ohrwurm, in dessen überaus brisantem Text es um einen Spießer geht, der sich eines Tages bei E-Bay die dunklen Augengläser des gleichnamigen RAF-Terroristen – mit Echtheitszertifikat ausgestattet, versteht sich – bestellt, und sich immer dann, wenn er diese aufsetzt und dabei in den Spiegel schaut, wünscht, einmal nur der "Staatsfeind Nummer Eins" sein zu dürfen.

Augenzwinkernd selbstreflexiv zeigt sich der Album-Eröffner "12 Sekunden" – ein überzeichnet melancholischer, gleichsam offensiver Rückblick auf die ‚großen Tage’ von "Extrabreit" in den 80ern, als die Truppe – stilistisch und qualitativ vollkommen unberechtigt – zur Speerspitze der kommerziellen Neuen Deutschen Welle (NDW) gerechnet wurde. Auch in der bedrohlich-düsteren Amokläuferballade "König der Angst" zitieren sich "Extrabreit" gekonnt selbst und verweisen darin unüberhörbar auf ihren 1981er-Knaller "Der Präsident ist tot" – jene absolut trefflich ausformulierte Erinnerung an das Attentat auf US-Präsident Ronald Reagan vom März 1981 hatte am 09. Mai 2008 selbstverständlich gleichfalls einen guten Platz im Konzertrepertoire der "Breiten" gefunden.

1980, auf ihrem legendären LP-Debüt "Ihre größten Erfolge", schwärmten "Extrabreit" für eine offenkundig sadomasochistisch veranlagte Dame namens "Annemarie"... 2008 hat diese mutmaßliche Satanistin inzwischen ein Kind bekommen... ein sehr Merkwürdiges, wie das Lied-Ich in "Annemaries Baby" findet, denn das Töchterlein nennt komischerweise – Textzitat – "zwei Hörner und einen behaarten Schwanz" sein Eigen...

Eine so eigenwillige, wie sympathische Liebesgeschichte erzählt die verhältnismäßig romantisch ausgestaltete bzw. arrangierte Mid-Tempo-Nummer "Besatzungskind". Hierin geht es um die Liaison eines farbigen US-Soldaten mit einer deutschen Schönheit, nach Ende des II. Weltkriegs, in der Normandie. Die beiden so unterschiedlichen Partner zeugen ein Kind, das eines Tages "tough" und berühmt wird und daraufhin seinen Vater in den USA zur Rede stellt.

Die hintergründig rockende Ballade "Freitag Nacht" stellt eine konsequent authentische, lyrisch schlicht hinreißende Beschreibung, geradezu eine "Milieustudie", einer solchen dar, während die erste Singleauskoppelung aus "Neues von Hiob", schlicht "Lärm" betitelt, eine reine Spaßparole in bester Punk-Tradition bedeutet.

Auch nicht wenige jener Exponate von "Neues von Hiob", die am letzten Freitag im Hamburger "Knust" nicht zum Einsatz kamen, können sich ohne jegliche Zweifel sehr gut hören lassen und strotzen nur so vor inhaltlicher Brisanz. Etwa die höllische Verhohnepiepelung der "Idole" dieser Welt – vom textlichen Aufbau her brachial an Herbert Grönemeyers "Männer" erinnernd, läßt sich Kai Hawaii knapp drei Minuten lang über die Doppelmoral unserer Stars, Vorbilder, eben unserer täglich wechselnden "Idole", aus. Ein elektrisierendes, in lyrischer Hinsicht wiederum herausragendes ‚klangliches Attentat’ auf die vorherrschende Politikverdrossenheit vieler Bundesbürger bietet der pralle Protestsong "Immer das gleiche".

Der 11. September 2001 ist nun schon fast sieben Jahre her... kein einziger Vertreter der bundesdeutschen Popkultur hat es bislang gewagt, sich diesem Ereignis und seinen Verursachern zugespitzt satirisch zu nähern. "Extrabreit" kannten – mal wieder – kein Pardon und schrieben eine schier diabolische Abhandlung über "Osama Bin Laden", jene von einem "grauen Fusselbart" verzierte Person, die ein Maultier hinter sich her zog und vom Lied-Ich netterweise zum Abendessen eingeladen wurde, wohl wissend, daß der gefürchtete Terroristenchef niemals Schweinefleisch zu sich nimmt, weshalb der Protagonist dieser genialischen Parodie natürlich zusätzlich Hammelfleisch in seinem Kühlschrank eingelagert hat.

Konzert und CD beweisen zweifellos: Die "Extrabreit" des Jahres 2008 sind die Besten seit über 15 Jahren. Womöglich mag "Neues von Hiob" schnurstracks an den Hitparaden dieses unseren Landes vorbeimarschieren und mögen manche der darauf enthaltenen Titel schleunigst auf dem Radioindex landen – Nichtsdestotrotz ist das rund 53 Minuten lange Album, das es – und hier schlägt das Herz des "Vinyl-Fetischisten" Holger Stürenburg gebührend höher – gleichsam als Doppel-LP zu kaufen gibt.

Kai Hawaii, Stefan Kleinkrieg und Co. erzählen Geschichten und Geschichte in einem – stets proper aufbereitet, jederzeit mitsingbar, niemals mit erhobenem Zeigefinger versehen. Dies belegt "Neues von Hiob" ein ums andere Mal. Es bleibt zu hoffen, daß "die Breiten" auch in den kommenden Jahren noch Lust auf "Lärm" haben und uns nicht scheuklappenbehafteten Musikfreunden mit Sinn für Skurriles faszinierende "Hiobsbotschaften" zu überbringen vermögen!


Gesamtnote – CD:  Bestwertung!

Quelle: Holger Stürenburg, 09./10. Mai 2008

 

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Kommentare:

03.06.2008 14:16:36

Wohl wahr
Ein Bericht wie er zutreffender nicht sein könnte.

geschrieben von: Peter F.
 

 

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