09.03.2007 - 00:00:00
DRAFI DEUTSCHER
Die CD "The Last Mile" im Test von Holger Stürenburg!
Als am 9. Juni 2006 – auf den Tag genau einen Monat nach seinem 60. Geburtstag – der Tod von Drafi Deutscher bekannt gegeben wurde, verfiel die gesamte deutsche Popszene in eine Art von Schockstarre. Die letzten Wochen vor seinem "Umzug" (wie seine Familie Drafis Reise gen Himmel bezeichnet), lag der große Komponist, Arrangeur, Sänger und Produzent im künstlichen Koma. All seine Fans beteten, hofften – aber das Schicksal sah einen anderen Weg für ihn vor...
Drafi Deutscher war letztendlich der Rock’n’Roll in Person, mit "Sex & Drugs" und allem, was dazu gehört. Er ließ nichts aus – und sprühte, trotz vieler menschlicher, wie finanzieller Probleme und Rückschläge, stets vor purer Energie, Kraft und Kreativität.
Er etablierte in den 60er Jahren höchsterfolgreich den deutschen Beat-Schlager, zog sich in den 70er Jahren einwenig in die zweite Reihe zurück, komponierte Klasse Songs für z.B. "Boney M." ("Belfast"), Peggy March ("Fly away, pretty Flamingo"), Peter Orloff ("Ich liebe Dich") oder Tina Rainford ("Silver Bird"), um in den 80er Jahren, sowohl als Produzent, als auch wiederum als Interpret, an die Öffentlichkeit zu treten. Als Solist traf er mit deutschbetexteten, schwermütigen Synthesizerdramen den unterkühlten musikalischen Zeitgeist jener Dekade mitten ins Herz; gemeinsam mit dem jungen Schlagersänger Oliver Simon, begründete er zudem das peppige Duo "Mixed Emotions" und feierte mit extrem eingängigen Disco-Pop-Mixturen einen Hit nach dem anderen.
Zum Andenken an ihren Vater und Freund, haben Drafis Söhne, Drafi jr. und Rene, in den letzten Monaten zuvor unveröffentlichte Perlen des Familienoberhaupts zusammengestellt, überarbeitet und gleichsam ein paar Titel fertiggestellt, die Drafi sen. noch kurz vor seinem Tod vorbereitet, vorproduziert hatte, jedoch nicht mehr abschließen konnte. Darüber hinaus gewannen sie zwei anerkannte Schlagerlegenden, die jeweils ihren eigenen Favoriten des viel zu früh von uns gegangenen Popidols vieler Generationen neu einsangen.
Das ganze erscheint nun am 09. März 2007 offiziell im Schallplattenhandel und trägt den Titel "The Last Mile". Die knapp 43minütige CD (Palm Records/DA Music) zeigt Drafi noch ein letztes Mal, wie er Zeit seines Daseins leibte und lebte. Stilistisch vielfältig, wie immer, findet man auf "The Last Mile" eine perfekte Mischung aus englisch gesungenem Pop von Weltklasse und durchwegs sehr anspruchsvollen, deutschbetexteten Chansons, mit teilweise radikal offenen, ehrlichen, deutlichen Reimen, die wir in dieser Form von Drafi niemals erwartet hätten.
Jeder einzelne Titel steht kompakt für sich, die Songs wirken oft wie musikalische Kurzgeschichten – sowohl in kompositorischer, wie auch in lyrischer Hinsicht.
So hauchte Drafi dem unvergeßlichen 60er-Jahre-Klassiker "Tell Laura I love her" (hier: "Tell Laura") in düster-melancholischer Manier, wenn auch unterschwellig durchaus latent rockend, neues Leben ein (wobei es als enorm schofelig und pietätlos zu betrachten ist, daß der deutsche Musikverlag des einstigen Ray-Peterson-Hits den Textabdruck desselben im CD-Beiheft von "The Last Mile" nicht kostenlos freigeben wollte!)
Es folgt die aktuelle Radiosingle "Leben ohne Ende", ein elitäres, hochmelodisches, großstädtisches Popchanson der höchsten Güteklasse, das bereits im Vorfeld der Veröffentlichung des Albums die Radiostationen dieses, unseren Landes gehörig durcheinander wirbelte und in der Leserhitparade von Smago.de sogar die schaurigen Sandkastenrocker von "Tokio Hotel" auf die Plätze verwies. Der abgeklärte Mid-Tempo-Popsong "Scheiß doch drauf" zeigt inhaltlich vielleicht den drastischsten, offenherzigsten Drafi, den wir jemals zu Gehör bekamen, während "Mona Lisa", auf Englisch dargeboten, 20 Jahre danach, gute, alte "Mixed Emotions"-Emotionen reanimiert, die 1986/87 garantiert ein Riesenerfolg geworden wären und qualitativ fraglos auf einer Augenhöhe mit "You want Love (Maria, Maria)", "Just for you" oder "Bring Back (Sha na na)" stehen.
Der typische Drafi-Schleicher "Lean on me" stellt ein überaus positives Kuriosum dar: Nachdem das Playback fertiggestellt war, sang Drafi dazu auf einer Arbeitsspur erste Textfragmente in einer Art von "Schummelenglisch" (CD-Beiheft), die er nicht mehr korrekt ausarbeiten konnte. Aufgrund der hohen Qualität der romantisch-verliebten Synthiballade, fand dieselbe dennoch einen Platz auf "The Last Mile".
Vielleicht, so rät der Rezensent, findet sich ja ein Interpret mit Drafis Stimmvolumen (z.B. Nino de Angelo o.ä.), der diese wunderbare, fast sechsminütige Komposition textlich vollendet und zu einem realen Chartbreaker ausgestaltet,
Der Titelsong, ebenfalls sehr gemächlich und balladesk gehalten, erinnert an Drafis 1983/84er-Arbeiten unter dem Pseudonym "Masquerade", verzichtet aber 24 Jahre später auf allzu opulente Synthesizerwälle. Zusätzlich wird der Paradeentertainer aus Berlin dabei von seinem einstigen Ziehkind Tina Rainford gesanglich begleitet.
Einen trockenen, uramerikanischen, gitarrenlastigen Bluesrocker stellt der – ein weiteres Mal äußerst "scharf" bereimte – Ohrwurm "Ey, Mann" da. Still-gefühlvoll wird es allerdings in der ausweglosen Liebeselegie "Hey Alexa", in der sich die erst 17jährige Protagonistin dieses Namens in einen mehr als doppelt so alten Familienvater verknallt, was dieser aber umgehend, mit Nachdruck und in einer Deutlichkeit, zurückweist.
"The Last Mile" wird beschlossen durch die Beiträge zweier anerkannter Schlagerstars. Der Deutsch-Italiener Nino de Angelo, der 1982/83 von Drafi entdeckt und protegiert wurde, dankt seinem Mentor mittels einer hochgradig elektrisierenden Neufassung der 1985er-Rockballade "Dich holt niemand mehr zurück", die man bei genauer Analyse der seinerzeit von Dr. Bernd Meinunger verfaßten Songlyrik durchaus in gewisser Hinsicht als Abschiedslied an einen Verstorbenen auslegen könnte.
Die Saarländerin Ingrid Peters knüpfte sich dagegen den monumentalen Singletitel "Solang aus Liebe" vor, damals Auskoppelung aus Drafis 1992er-LP "Wie Ebbe und Flut", und intonierte ihn leidenschaftlich und getragen gleichermaßen.
Auch und gerade die brandneuen Songs auf "The Last Mile" beweisen eindeutig, wie viele Ideen, wie viel Power bis zum Schluß in Drafi Deutscher gesteckt hatten. Garantiert wären uns in den nächsten Jahren von ihm noch viele, viele phänomenale Songperlen seiner speziellen, unkopierbaren Machart geschenkt worden.
Nun sitzt Drafi auf einer Wolke, genießt die Ruhe nach dem Tod – und würde sich sehr, sehr freuen, wenn er beobachten könnte, wie, unten auf der Erde, Tausende Freunde gehobener Popklänge am kommenden Freitag (09.03.2007) in die CD-Läden rennen und sich dort "The Last Mile" kaufen, um ihrem Lieblingsstar noch eine letzte Notierung in den Top 100 der "Media Control" zu ermöglichen!
Gesamtnote: Bestwertung
Quelle: Holger Stürenburg, 04./05. März 2007
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Kommentare:
29.03.2007 12:48:01
Album der Ewigkeit
..ich sags nun auch noch mal hier,lieber Rene u.Drafi jr.Es ist das Album der Ewigkeit geworden.Holgers Bewertung kann ich nur tausendmal unterstreichen!!Ergreifend,berührend,niveauvoll,zeitlos,qualitativ Welten entfernt vom heutigen dahingepflasterten Einheitsbrei!Es ist ein Lehrstück für alle "Plärrsusen"v.heute,mit denen man im Radio zugedröhnt wird.Drafi bleibt unerreicht f.immer!Marco
geschrieben von: Marco
09.03.2007 18:59:20
Respekt und Anerkennung
Respekt und Anerkennung an Herrn Stürenberg für diese Rezension ! Ich habe während eines Besuches bei Drafi über Weihnachten 2005 in seiner neuen Wahlheimat Mallorca bereits einige Demos aus dem kommenden neuen Album hören dürfen und muss sagen, dass ich nach diesem objektiven und - wie ich glaube - mit sehr viel Herz geschriebenem Artikel um so gespannter auf das neue Werk bin.
Ganz hyothetisch lege ich jetzt Drafi einen Satz in den Mund:
"Na, mein Kerlchen, dann hör´s dir mal in Ruhe an. Da steckt vieles drin".
Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen.
Manni
geschrieben von: Manni Schulte
09.03.2007 11:02:32
vergessenens wichtiges Detail...
Also, der Rezensent muss hier schon ergänzt werden: ein weiterer Höhepunkt ist Drafi Deutscher im TV-Interview mit Uwe Hübner, welches man sich über den Computer anschauen kann.
Hier eine Fremd-Rezension aus Amazon, welche ich nur unterstreichen kann: "Als besonderer BONUS ist auf diesem Album auch ein Video mit einem ca. 40minütigen TV-Special mit einem Interview enthalten, das Drafi im Jahre 2000 Uwe Hübner gab. Eines der besten Drafi Interviews überhaupt, mit vielen interessanten Anekdoten und einer intensiven Rückschau auf sein Leben. Absolut sehenswert!"
Also kurzum, Mega-CD(-Rom) von Fradi!!!
geschrieben von: Ron Könck
09.03.2007 07:53:41
Vielen Dank!
Lieber Holger,
vielen Dank für diese schöne Rezension!
Zwischen den Zeilen spürt/liest man ganz deutlich, dass der Artikel mit sehr viel Herz geschrieben wurde.
Mit Blick auf die Wolke ...
René Deutscher
geschrieben von: Rene Deutscher
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