24.01.2006 - 00:00:00
DIE HIT-GIGANTEN
Die D-CD "Die Hit-Giganten – Hits der 70er" im Test von Holger Stürenburg!
Am vergangenen Sonntag, dem 22. Januar 2006, flimmerte zur besten Fernsehzeit, von 20.15 Uhr bis 22.15 Uhr, eine aktuelle Folge der beliebten SAT1-Reihe "Die Hit-Giganten" über die bundesdeutschen Bildschirme. Seit über zwei Jahren stellt Moderator Hugo Egon Balder in unregelmäßigen Abständen darin die bedeutsamsten Stilvertreter eines bestimmten Genres der Popmusik vor. Es fanden bereits Shows dieser Sendereihe statt, die "Die Deutschen Hits", "Hits der 80er", "Hits der 90er", "Italo-Hits", "Sommerhits", "Schmusesongs" oder "Kultschlager" zum übergeordneten Thema hatten. Im Rahmen einer solchen abendfüllenden Sendung treten stets wichtige Interpreten mit ihren zum Showmotto passenden Hits auf und darüber hinaus erzählen prominente Persönlichkeiten aus Film, Theater, Kultur, Sport und Medien sich untereinander und damit den Zuschauern witzige Anekdoten zu dem einen oder anderen unvergeßlichen Schmankerl. Zu jeder Ausgabe erschien bislang eine mit über 40 Liedern prallgefüllte Doppel-CD, die die entsprechenden Klassiker der jeweiligen Musikrichtung für den Fan komprimiert und geballt präsentiert.
Nun waren also die "Hits der 70er" dran. Längst in der Versenkung verschwundene Ex-Stars jener Periode trällerten ihre betagten und doch immer noch hinreißend frischen Evergreens; gemeinsam mit dem v.a. durch unsägliche Schlüpfrigkeiten der Sorte "Tutti Frutti" oder "Alles Nichts Oder" bekannt gewordenen Moderator H.E. Balder debattierten Schauspieler Til Schweiger, Chansonette Kim Fisher, Sportreporter Jörg Wontorra und Stimmenimitator Till Hoheneder über die Tops und Flops, die Pros et Contras der Dekade von "Willy wählen!", Ölkrise, RAF-Terror, Gesamtschulen, "Klecks-Theater", "ZDF-Magazin" und Extremistenbeschluß.
Wiederum liegt kurz nach der Ausstrahlung eine zu diesem TV-Ereignis eigens zusammengestellte Doppel-CD vor: "Die Hit-Giganten – Hits der 70er" (SONY-BMG) beinhaltet 41 Pop- und Rocknummern aus den Jahren 1970 bis 1979, die – nicht in jedem Fall, aber doch zumeist – Musikgeschichte geschrieben haben und bis in die Jetztzeit hinein der überwiegenden Mehrheit der Freunde der Populärmusik ein feststehender, unverrückbarer Begriff sind. Da es selbstverständlich äußerst schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist, das Herausragendste, Faszinierendste und Erfolgreichste einer musikkulturell so hochinteressanten Ära auf nur zwei (wenn auch mit einer Gesamtspieldauer von ca. 145 Minuten übervollen) Silberscheiben unterzubringen, wird es bestimmt den einen oder anderen Rezipienten geben, dessen spezieller persönlicher Favorit auf "Die Hit-Giganten – Hits der 70er" womöglich nicht berücksichtigt wurde. Ebenso dürfte ein gel-gestylter Alt-Discofuzzi, der z.B. auf "Baccaras" rhythmisierte Stöhnorgie "Yes, Sir I can Boogie" schwört, in Anbetracht des trockenen Hippie-Blues "American Woman" von "The Guess Who" fragende Augen bekommen. Umgekehrt ist es gut möglich, daß ein beinharter "Queen"-Fan – seine Lieblinge sind auf vorliegender Doppel-CD mit dem 74er-Shuffle "Killer Queen" vertreten – bei schlichtem Bubblegumpop a’la "Dreams are ten a Penny" (Kincade, 1972) schleunigst den Saal verläßt. Dennoch ist es den Verantwortlichen von SONY-BMG hoch anzurechnen, neben nur ganz wenig unnötigem, einen Großteil der unvergänglichsten 70er-Hits immergrünen Zuschnitts für "Die Hit-Giganten – Hits der 70er" ausgegraben zu haben. Schade nur, daß dem wuchtigen Punk-Blitzeinschlag 1976/77 wie auch dem beginnenden New-Wave-Aufbruch 1978/79 scheinbar keinerlei Bedeutung zugemessen wurde. Daß vielleicht die wilden "Sex Pistols" oder die rauhbeinigen "The Clash" nicht auf einen familienfreundlichen, hauptstromorientierten Sampler passen, ist klar. "Blondie", die "Boomtown Rats", "The Jam" oder die "Tubeway Army" jedoch hätten hier durchaus als imposante Statthalter von Punk und New Wave herhalten können, zumal deren Wave-Epen seinerzeit nicht nur den Eingeweihten Spaß brachten, sondern sie sich zusätzlich in den internationalen Hitlisten auf den höchsten Rängen wiederfanden. Aber, nun genug der Kritik. Welche Perlen des 70er-Pop kann sich der Interessierte also auf "Die Hit-Giganten – Hits der 70er" in perfekter Klangqualität zu Gemüte führen?
Da wären zunächst die unangreifbaren Weltstars, die (sofern sie noch unter den Lebenden weilen) bis heute höchste Reputation genießen und die größten Stadien füllen. ‚The Thin White Duke’ David Bowie etwa bellt seinen elektrisierenden Funk/Soul-Verschnitt "Fame" (1975) ins Mikrophon, der soeben frischvermählte Pianowizzard Elton John gedenkt im niedlich-zickigen "Crocodile Rock" (1972) seiner Jugend in den braven 50ern, ‚Soul Survivor’ Tina Turner hymnisiert, damals noch unterstützt von ihrem prügelnden Ex-Gatten Ike, im treibenden Rhythm’n’Blues "Notbush City Limits" (1973) die Stadtgrenzen ihres amerikanischen Heimatorts, Herzensbrecher Tom Jones schmachtet überkandidelt "She’s a Lady" (1971), Rockavantgardist Lou Reed lädt ein zum skurrilen "Walk on the Wild Side" (1972), Lieblingsschwiegersohn Cliff Richard schwelgt Dank "We don’t talk anymore" (1979) durchs glitzernde Discofieber, von Rock’n’Roll-Legende Elvis Presley ist schlußendlich dessen allerletzter Hit "Way down" zu hören, der seinen Interpreten kurz vor dessen Tod im August 1977 ein letztes Mal Hitparadenluft schnuppern ließ.
Im Gegensatz zu eben genannten Künstlern, sind die Namen vieler anderer auf "Die Hit-Giganten – Hits der 70er" erwähnter Sänger und Projekte längst vergessen. Niemand weiß so recht, was "Hot Butter", die Erschaffer des instrumentalen Synthi-Plingplangs "Popcorn" (1972) heutzutage so anstellen. Wo Ewigkeits-Jogger Nick Straker ("A Walk in the Park", 1979) abgeblieben ist, steht genauso in den Sternen, wie der Verbleib des US-Duos "Marshall Hain", das 1978 mittels des poppigen Großstadtfetzers "Dancing in the City" weltweit die Tanzsäle zum Überkochen brachte. Die schnieken Holland-Girlies "Luv" ("You’re the Greatest Lover", 1978) sind gleichermaßen von der Bildfläche verschwunden, wie die (übrigens keineswegs miteinander verwandten) US-Countrybarden "The Bellamy Brothers" ("Let your Love flow", 1976) oder die schwarze Discotruppe "Wild Cherry" ("Play that Funky Music", 1976).
Gentleman-Crooner Tony Christie feierte dagegen erst vor einem Jahr ein fundamentales Comeback ("(Is this the Way to) Amarillo?", 1972), während offenkundig unverwüstliche Alt-Sternchen wie der stets grinsende (und barfuß auftretende) Schwedenclown Harpo ("Horoscope", 1976), die fesche Rock’n’Roll-Big-Band "Showaddywaddy" ("Under the Moon of Love", 1976) die bizarren Bubblegum-Briten "Mungo Jerry" ("Alright, Alright, Alright", 1973), die schottische Rockröhre Bonnie Tyler ("It’s a Heartache", 1977), die einstigen Gewinner des Grand Prix Eurovision de la Chanson, "Brotherhood of Man" ("Save all your Kisses for me", 1976), oder der ewigverliebte australische Strahlemann John Paul Young ("Love is in the Air", 1978) bis ins neue Jahrtausend hinein ein ums andere Mal auf sehr gut besuchten Oldiefestivals, überall in Europa, zu bewundern sind. Nicht zu vergessen: Ex-Teenielegende "Smokie" ("Mexican Girl", 1978), die ihren Baß phallisch schwingende Lederlady Suzi Quatro ("48 Crash", 1973) oder die augenzwinkernden Nickelodeon-Popper "Sailor" ("Girls, Girls, Girls", 1975), die noch 2005 von Kleinstadtfest zu Kleinstadtfest tingeln und dort ihre Fans mit liebgewonnenen, alten Hymnen in nostalgische Begeisterungsstürme versetzen. Weiterhin mittelgroße Hallen und Clubs füllen die farbigen Soulexperten "The Temptations" ("Papa was a Rolling Stone", 1972), die elitären Disco-Funker "Kool & the Gang" ("Jungle Boogie", 1973) bzw. die verbliebenen Überreste von "T. Rex" ("Children of the Revolution", 1972) oder "The Sweet" ("Fox on the Run", 1974). Zu den "Ein-Hit-Wundern" der 70er Jahre, die für das Programm einer auf eine große Spannbreite bedachten Kompilation natürlich keinesfalls ausgelassen werden dürfen, werden z.B. Terry Jacks mit seiner Jacques-Brel-Adaption "Seasons in the Sun" (1974), Hosen-Träger Dave Dundas mit seiner Hymne auf die ‚Blue Jeans’ ("Jeans on", 1976) oder der französischstämmige Popchansonnier Daniel Gerard mit dem süßlichen Schlagerchen "Butterfly" (1971) gerechnet. Weniger Auffälliges, allenfalls Langweilendes, wie z.B. die eintönige Discobrühe "One for me, one for you" ("La Bionda", 1978), das simple Popnümmerchen "January" ("Pilot", 1974) oder die anstrengende Poparie "I’m Mandy, fly me" von "10 CC" runden eine ansonsten überaus wohlbekömmliche, aufmunternde und fast durchwegs zum Mittanzen und Mitsingen anregende Zeitreise in die goldenen 70er Jahre ab, die anderen, ähnlich ausgerichteten Samplern und Hitkollektionen in Sachen Stilvielfalt, Staraufgebot und Historizität der einzelnen Beiträge (wie es im übrigen bei den meisten Folgen der Doppel-CD-Anthologie "Die Hit-Giganten" der Fall ist) haushoch überlegen ist!
Gesamtnote: 2
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Quelle: Holger Stürenburg, 19./20. Januar 2006
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