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12.10.2006 - 12:58:00

Der schärfste Gang (CD)

Veröffentlichung: 29.09.2006
Künstler: Ringsgwandl- Webseite
Label: Lawine / SONY BMG- Webseite
 
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Aus, vorbei. Eine Verbeugung noch, die an die morgendliche Trockenübung eines unglücklich verliebten Turmspringers erinnert und an die kläglichen Flugversuche eines einsamen Pinguins. Dann verschwindet der Mann mit dem rot geschminkten Lippen und dem grauen Haar endgültig hinter der Bühne. In der Straßenbahn Richtung Zweizimmerwohnung tun die Leute dann wieder so, als ob das Arbeitengehen und das Ausgehen und das Sichverlieren und Wiederfinden ganz normal sei. Gut, dass es Tonträger gibt, anhand derer man sich auch zwischen den Auftritten des Mannes mit den roten Lippen versichern kann, dass nichts normal ist, am allerwenigsten das Leben. Georg Ringsgwandl hat wieder einen fabriziert.

Die erste Geschichte, die zu kennen nicht schadet, wenn man "Der schärfste Gang" hört, das neue Album von Georg RINGSGWANDL, beginnt am 15. November 1948 im Bad Reichenhaller Ortsteil Staufenbrücke, wo der Sprengmeister nach dem Krieg eben auf Krähen schoss, bis sich eine Kugel ins Arme-Leute-Sofa der Nachbarn bohrte. An diesem Tag ist Georg Ringsgwandl "falsch inkarniert worden", wie er in einem Interview gesagt hat: "Ursprünglich war vom Schicksal geplant gewesen, dass ich in einem Fabrikantenhaushalt aufwachse, wo reichlich Vermögen vorhanden ist, Dienstboten und großbürgerliche Bildung. Dann hat es aber eine Fehlschaltung gegeben, und ich bin in eine Familie hineingeboren worden, wo ein kriegsgeschädigter Postbote vor sich hingerödelt hat, um seine Familie zu ernähren." Vom Bergsteigen und von der Malerei hat sich der Vater aber nie abbringen lassen.

Die eigentliche Geschichte von "Der schärfste Gang" beginnt freilich erst 56 Jahre später, am Nikolausabend 2004 in der Schlosswirtschaft in Haarbach, Niederbayern. Die Wirtin ist 93, die Bedienungen alle so um die 80, und entgegen seiner Prinzipien stimmt Georg Ringsgwandl beim Konzert zum alternativen Nikolausabend dem Auftritt einer Vorgruppe zu. Diese "grausliche Rockband" löst sich wenig später auf, aber ein paar Monate später erinnert sich Georg Ringsgwandl, der selber gerade Musiker sucht, daran, dass der Schlagzeuger Manni Mildenberger und der Bassist Florian Anselm Schmidt sich in der Schlosswirtschaft musikalisch geliebt haben. Das ist nicht unwichtig, wenn sich Bayerns durchschlagendster Songwriter in den Kopf setzt, sein Werk von Grooves antreiben zu lassen, die man vorher noch nicht von ihm gehört hat, von tanzbaren Grooves.

Ab Juni 2005 spielen Manni Mildenberger und Florian Anselm Schmidt neben dem Gitarrenpoeten Nick Woodland, der seit 1993 dabei ist, in Ringsgwandls Band. Die Band ist auf Tour produktiv wie eine reisende Musikwerkstatt, und im April 2006 glaubt der einzige ernstzunehmende Rockkabarettist des Planeten, dass es Zeit für eine neue Platte sei. "Der schärfste Gang" entsteht dann innerhalb zweier kreativer Monate in einer Münchener Altbauwohnung, und der Schlagzeuger Manni Mildenberger, der sich mit seinen 23 Jahren als erfahrener Produzent entpuppt, leitet umsichtig die
Aufnahmesessions und bedient nebenbei das Recordingequipment. Mildenberger trommelt im Wohnzimmer, Ringsgwandl singt im Schlafzimmer, Woodland fühlt sich wohl und Schmidt sowieso. So entsteht ein Gemeinschaftswerk vierer Verbündeter, die sich musizierend beflügeln – vom fröhlich-rotzigen Statement gegen den Geburtenrückgang "Wäsch versaun" über den lieblich von der Zither umrankten Landler "Feng Shui Liadl" bis zur Unplugged-Außenseiterballade "Er scheißt se an Dreck" von dylanesker Intensität. Dazwischen neue Erkenntnisse vom einfachen Leben in einer komplizierten Welt von Georg Ringsgwandl, der - ein Novum in seinem Schaffen – zwei Lieder lang als Sänger pausiert. Denn mit der Arbeit zu "Der schärfste Gang" ist der manische Eigenverwirklicher zum teamfähigen Talentförderer mutiert und hat dem Schlagzeuger des Gemeinschaftsunternehmens Groove "Simpler Typ" auf den Leib geschrieben und dem Bassisten "Der wo am Basss is". Seitdem muss Florian Anselm Schmidt nicht mehr alleine um die Welt ziehen: Ein Mädchen aus Wien war bei einem Auftritt so begeistert von dem Lied, dass es bei ihm geblieben ist.

Georg Ringsgwandl - und das ist die dritte Geschichte, ohne die ihm "Der schärfste Gang" nie passiert wäre – ist nicht geblieben. Anno 1993 kündigte der promovierte Mediziner nach neun Jahren seine Oberarztstelle für Kardiologie und Intensivtherapie am Kreiskrankenhaus in Garmisch-Partenkirchen, um seine Familie fortan allein mit seiner Kunst zu ernähren. "Wenn jemand sowas macht, dann muss er wahnsinnig sein", sagt er 13 Jahre später. Ärzten und Beamten, die ihm nachfolgen wollen, rät er in Briefen grundsätzlich davon ab. Musik sei auch ein schönes Hobby, schreibt dann der, dem der Rock `n` Roll das Skalpell sozusagen aus der Hand gefetzt hat. Denn ihn selbst beschlich mit Mitte vierzig das Gefühl, im Krankenhaus zu verkümmern. Als Bekannte in seinem Alter am Krebs starben, überlegte er sich, was er selbst in einem einzigen verbleibenden Lebensjahr noch anstellen würde. Die Chefarztstelle in Bad Reichenhall anstreben? Oder Platten machen und Theaterstücke? Als er sich entschieden hatte, beschloss er, dass es unsinnig sei, bis zur Rente zu warten. "Wenn Du Musik machen willst, dann mach’s jetzt", sagte er sich.

Seine erste Platte war bereits sieben Jahre erschienen, bevor Georg Ringsgwandl seine "Ankopplungsstelle zum normalen Leben in der Gesellschaft" gekündigt hatte; "Das Letzte", so hieß das Werk, finanzierte er selbst "um den Enkeln einen Funken der Kreativität des Großvaters zu zeigen, als Beweis". Manchmal kamen damals 20 oder 30 Leute zu seinen Auftritten, zuweilen aber kein einziger. Wenig später wurde er mit dem Salzburger Stier und dem Deutschen Kleinkunstpreis ausgezeichnet.

Aber in Wirklichkeit begann Ringsgwandls musikalische Karriere viel früher. Schon als Kind spielte er Zither, später erwarb er an der Gitarre, am Keyboard und an der Posaune bühnentaugliche Kenntnisse. Als Student versuchte sich Ringsgwandl als Folkprotestsänger, und anno 1977, zwei Jahre nach seiner Promotion zum Dr. med., absolvierte er in der Münchener Szenekneipe Muh seinen ersten Soloauftritt. Danach tingelte er drei Jahre lang mit seinem ersten eigenen Programm "Gurkenkönigs Hausfrauenshow" durch die Kleinkunstbühnen – wann immer es seine Facharztausbildung am Münchener Klinikum Großhadern zuließ. Und die "Augsburger Allgemeine" befand: "Auf der Grenze zwischen genialer Übersteigerung und Verrücktheit balanciert Ringsgwandl, der singende Müllsack, der letzte König Bayerns."

Auf die Hausfrauenshow, an der neben einem echten Arzt auch zwei echte Hausfrauen, ein ehemaliges Gogo-Girl, ein Berliner Punk und ein anorektischer Transvestit beteiligt waren, folgte die "Luxuriöse Unterhaltung mit Dr. Muschnik", das zweite sarkastisch-exzentrische Programm. Und 1989 die zweite Platte: "Trulla! Trulla!"

Der "Tagesspiegel" konstatierte daraufhin: "Der schlaksige Mann hüpft mit kryptischen Bewegungen über die Bühne, als sei ihm der Teufel in die Glieder gefahren. Es sieht aus wie der Veitstanz eines Mannes, der zu lang in einem zu engen Käfig eingesperrt war." Georg Ringsgwandl selbst sagt heute nüchtern: "Das Möglichste, was aus einem Trio rauszuholen ist, haben wir rausgeholt." Drei Jahre später das Album "Vogelwild", über das sich die "Frankfurter Rundschau" befremdet zeigte: "Der Mann ist eine Zumutung. Placido Domingo beim Flug über das Kuckucksnest." Und Ringsgwandl sagt:"Sehr schöne Songs, aber totproduziert." Deshalb erscheint 1993, als er gerade kein praktizierender Arzt mehr ist, "Staffabruck" mit spartanisch arrangierten Balladen und den ersten Geniestreichen des Beinahe-einmal-Rolling-Stones-Gitarristen Nick Woodland auf einer Georg Ringsgwandl-Platte. Die "Zeit" schrieb: "Ringsgwandls Wandlung und Triumph: Staffabruck. Der Kleinhäusler-Blues. Ein intellektueller Robin Hood, ein Mann wie ein Leuchtturm, ein Geheimtipp der Verirrten." So hätte das ewig weitergehen können.

Aber Georg Ringsgwandl hatte seinen Krankenhaus-Job auch deshalb gekündigt, um ungestört experimentieren zu können. 1994 debütierte er – längst ein Star in seinem Metier - mit der Kurzgeschichte "24 Stunden Sanitär-Notdienst Maderegger" beim hehren Ingeborg Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt, fand aber bei der Jury keine Gnade. "Die ham des Teil nach allen Regeln der Kunst zerrupft", erzählte Ringsgwandl später in einem Interview, "die Gesellschaft aus der Installateurs-Perspektive - das war natürlich nicht nachvollziehbar für eine Germanistik-Elite, die die Welt nur aus dem Ikea-Arbeitszimmer heraus betrachtet." Umso erfolgreicher geriet im selben Jahr sein Debüt als Dramatiker, mit dem er das Genre wechselte, aber seinen sezierenden Blick auf die Verlierer noch intensivierte: Das Singspiel "Die Tankstelle der Verdammten" bescherte dem Schauspiel Köln 60 ausverkaufte Vorstellungen, obwohl nur zehn angesetzt waren. "Endlich Schrott! Endlich keine Kunst mehr!", jubelte die "Zeit", als Ringsgwandl anhand des Rockgitarristen Chuck und seiner beiden PS-verliebten Kumpane das Scheitern so intensiv zelebrierte wie in einem guten Ringsgwandl-Song: Er stellt seine Figuren nie bloß, er bemitleidet sie in ihrer ausweglosen Strampelei.

Die scheiternden Gestalten in den Liedern des Georg Ringsgwandl tragen normalerweise keine Namen. Dafür hinterlassen sie Schatten. Sie heißen "sie" oder "die Leit", allenfalls "Der unscheinbare Verkaufsvertreter" oder "Der Garten-Nazi". In Ringsgwandls drittem Bühnenstück, dem "Prominentenball", der 2004 am Münchner Residenztheater uraufgeführt wurde, ist das anders. Da gibt Ringsgwandl den panischen Prominentenarzt Bernhard Mayer-Waldorf, der auch eine gewisse Schauspielerin Uschi Stahl zu kurieren hat, die an einer besonders perfiden Krankheit leidet, dem Alter. Ein paar Jahre vorher schrieb er "Ludwig II. Die volle Wahrheit", eine Punkoper, die Ende 1998 an den Münchner Kammerspielen herauskam. Die Zuschauer rissen sich um die Karten, aber für die "Zeit" war es nur eine "halbe Sache", "weil Ringsgwandl einfach alles selbst machen wollte (und durfte): Text, Kompositionen, Bühne, Hauptrolle".

Auf der anderen Seite umso verblüffender: Für sein neues Album "Der schärfste Gang" hat Georg Ringsgwandl zwar die Texte geschrieben, natürlich auch die Grundstruktur der Musik ("Des is halt Blues und Rock, da kannst eh net viel erfinden"), aber die musikalische Autorenschaft hat man dennoch brüderlich durch vier geteilt, weil die Arrangements im Quartett in dieser Münchener Wohnung erarbeitet worden sind. Zwischen "Staffabruck", dem brillanten Egotrip von 1993, und "Der schärfste Gang" liegen Welten – und zwei Alben, die den Weg vom Einzelkämpfer zum Mannschaftsspieler illustrieren.

1996 erscheint zwischen zwei Musicals das grelle Werk "Der Gaudibursch vom Hindukusch", im Jahr 2001 folgt Ringsgwandls bis dahin stärkstes Album "Gache Wurzn", an zwei Tagen eingespielt in einer verkommenen Küche in Untersendling. Ein reifes Unplugged-Werk, in dem der Sänger mit der ihm eigenen Ironie das Groteske des Daseins auf den Punkt bringt: "Im Gartenmarkt ist Torfmullzeit und trotzdem Unzufriedenheit", heißt es da. Auf "Der schärfste Gang" heißt es nun: "Du bist a Mörderfrau."

"Aber ich war damals um so vieles älter, ich bin jünger geworden seither", sang Bob Dylan, als er sich noch in den Sechzigern von den Erwartungen eines zornigen Publikums an einen Sänger, der ein Protestsänger zu sein hatte, befreit hatte. Georg Ringsgwandl hingegen singt auf "Der schärfste Gang": "Der Ringsgwandl hat’s verschissen", obwohl er das gleiche wie Dylan meint. Er ist mit seinem neuen Album überraschend jung geworden. Er lässt Gitarren zum virtuos verschlampten Schlagzeug-Basss-Groove jaulen und dröhnen, und sich im Lyrischen rekeln, ohne sich an irgendwelche Trends anzubiedern. Er macht, was er sich mittlerweile leisten kann zu machen: pure Lustmusik. Und der mitleidig liebende Sarkasmus des Doktors ätzt zwar immer noch, aber mittlerweile scheint dem Intensivmediziner das Pflaster-auf-Wunden-kleben fast ebenso viel Freude zu bereiten wie das hemmungslose Narbenaufreißen. Der Sänger träumt falschparkend von der sexy Politesse "Vroni", letztlich sucht er aber doch "nichts exotisches, nur eine ,ganz normale Frau‘".

Mit "Der schärfste Gang" ist Georg Ringsgwandl dort angekommen, wohin er mit "Das Letzte" losgezogen ist: Zwischen einer furios gemästeten Rock-`n`-Roll-Gitarre und der schwindsüchtig sich abstrampelnden Zither blitzt mitunter eine anarchische Form der Weisheit auf. Ringsgwandl muss sich also in Acht nehmen. Aber darin ist er geübt.



TITELLISTE MIT HÖRPROBEN

01. Die Welt ist kompliziert
02. Vroni
03. Lebn ois wiara Kuah
04. Der Konsumverweigerer
05. Die Mörderfrau
06. Feng Shui Liadl
07. Wäsch versaun
08. Saurier
09. Simpler Typ
10. Der wo am Bass ist
11. Ganz normale Frau
12. Er scheißt se an Dreeck

 


 

 
Fakten:
Veröffentlichung: 29.09.2006
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