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24.08.2007 - 00:00:00

CLAUDIA KORECK
Ihr Sensationsalbum "Fliagn" im Test von Holger Stürenburg!

Für "Newcomer" ist es eine echte Auszeichnung, wenn sich der Hamburger Musikjournalist für 'ein Thema' begeistert, so wie bei Claudia Koreck...:

Im zarten Alter von gerade mal sieben Jahren, nahmen sie ihre Eltern mit auf ein Konzert des österreichischen Alpenrockers Hubert von Goisern – 14 Jahre später tritt sie, mir nichts, Dir nichts, gemeinsam mit ihrem Kindheitsidol und künstlerischem Vorbild auf, absolviert mit diesem ausgiebige Tourneen und umjubelte Festivals.

Eine solche rapide und alles andere als alltägliche Entwicklung, vom konventionellen Popfan, hin zur eigenständigen Sängerin, Gitarristin und Songschreiberin, legte die heute 21jährige Claudia Koreck bravourös aufs Parkett, die dieser Tage mit einem so widerspenstigen, zickigen, wie ungewöhnlichen und im besten Sinne des Wortes sperrigen Debütalbum namens "Fliang" (Lawine/SONY-BMG) aufwartet.

Seit frühester Kindheit gehört das Musikalische so unverbrüchlich zum Leben der "Janis Joplin aus Traunstein", wie das sprichwörtliche tägliche Brot. Mit sechs Jahren haute sie erstmals in die Tasten der Heimorgel ihrer Großmutter. Bald darauf wurde sie Mitglied einer Kinderband und tourte mit Rolf Zuckowski durch die Lande. Mit zwölf Jahren schrieb sie ihren ersten eigenen Song, bekam zwei Jahre später ihre erste Gitarre geschenkt und gründete zu Gymnasialzeiten die Band "The Crosswalkers", als deren Frontfrau und Leadsängerin sie fungierte. Als ihr Abitur anstand, meinte Claudias damalige Liebschaft, sie unbedingt von einer Profikarriere als Musikerin abhalten zu müssen, was ihrem einstigen Freund – wie die schöngeistige Blondine zu Protokoll gibt – auch "fast" gelang.

Zum Glück nur "fast", möchte man sagen, wenn man sich nun den CD-Erstling des 21jährigen Nachwuchstalents Made in Bavaria zu Gemüte führt. "Fliang" beinhaltet zwölf (überwiegend) spartanisch, aber stets gekonnt arrangierte Kleinode auf der Basis von Blues, Folk und Rock – jedoch, nicht in derjenigen Form gehalten, wie wir "Alt-80er" uns dies vielleicht vorstellen (oder wünschen), sondern vielmehr in einer brandaktuellen Ausrichtung, wie Anfang-20er im Jahr 2007 diese legendären Musikstilistiken auslegen, verstehen, ins Heute transferieren, ohne ihnen aber durch unnötige Modernisierungen und Simplifizierungen ihre ureigene Faszination, Ewigkeitstauglichkeit und Nachhaltigkeit zu nehmen.

Knapp 50 Minuten lang, entführt uns Claudia Koreck, begleitet von ihrer langjährigen, perfekt eingespielten Band, in ihre Welten, in eben das Denken und Fühlen ihrer Generation, oft äußerst romantisch, gefühlvoll, dann wiederum enorm trotzköpfig, sacht rebellisch, in den schwächsten Momenten – altersgemäß aber vollkommen korrekt und trefflich – einwenig altklug und/oder selbstverliebt.

Den Titelsong schrieb die zierlich-fragile Eigenbrötlerin bereits mit 17 Jahren. Sie befand sich damals mit drei Freundinnen und einem Kassettenrecorder per Fahrrad auf dem Weg zum Baden. Doch dazu hatte Claudia zunächst gar keine Lust. Während die drei anderen Mädels im Wasser planschten, schnappte sie sich Stift und Schreibblock – und, als ihre Freundinnen erschöpft dem Badesee entstiegen, war "Fliang" längst ausgemachte Sache.

Der weitgehend akustisch inszenierte, locker-verträumte, abgeklärt-gefühlvolle, ungemein eingängige Aufhänger von Claudia Korecks Einstieg in die bundesweite Popszene wurde vorab von "Bayern 3" rauf und runtergespielt. Im Mai diesen Jahres ernannte sie der Sender zur "Newcomerin des Monats". Auftritte mit eingangs erwähntem, schrulligen Austrorocker Hubert von Goisern im gesamten Süddeutschen Raum, oder ein Stelldichein im Vorprogramm der legendären US-Rocker "Foreigner" vor sechs Wochen im Rahmen des Münchener "Tollwood"-Festivals, festigten Claudias jahrelang kontinuierlich erarbeitete Reputation südlich des Weißwurstäquators.

Das dazugehörige Album klingt modern und zeitnah, ohne jedoch traditionelle Deutschrock-Fans, die ihrerseits etwa Wolf Maahn, Heinz Rudolf Kunze, Udo Lindenberg, Ulla Meinecke oder Rio Reiser seit Jahrzehnten verehren, in irgendeiner Weise zu verschrecken bzw. sogar vor den Kopf zu stoßen.


 



Der brodelnde "Schrei" erklingt rockig, soulig, bluesig, durchwegs etwas aufgeregt, aufgewiegelt, nervös wirkend, während der dunkel-melancholische "Herbstwind" auf sympathischste Weise zurückhaltend und introvertiert vor sich hin swingt, wobei hier die postpubertären Masturbationsphantasien im Text der per se mehr als nur liebenswerten Komposition dieser durchaus einiges an Charme rauben.
Alternativ angehauchten Neo-Rock vernehmen wir in "I wui weg", die latente Sehnsucht nach dem wohlig-warmen Elternhaus, das schon vor längerem verlassen wurde, bestimmt die aufgedonnerte Gitarrenballade "Unverwundet".

So richtig losgerockt wird in der treibenden Up-Tempo-Nummer "Schuah aus", verspätete Schulmädchenträume kommen im knisternden Mid-Tempo-Folkdrama "I mog de Dog" zum Zuge. Den radikalen Blues, mit all seinen deprimierenden Konsequenzen, erlebt Claudia im knackig-hysterischen Liebesdesaster "Wenn des alles is". Eher verquast vor sich hin sinnierend, kommt dagegen die angejazzte Chansonballade "Vergangenheit" daher.

Claudia Koreck besitzt unzweifelhaft ein großes Talent. Sie schreibt ihre Songs ausnahmslos selbst, verfügt über eine überaus ausdrucksstarke Stimme, die mal lieblich-nett, mal drastisch-laut, oder erdig-"dreckig" ertönt. Lyrisch hapert es, wie beschrieben, ab und an noch einwenig, was aber sicherlich im Laufe der Zeit auszubügeln sein dürfte. Das vermutlich größte Problem hinsichtlich eines bundesweiten Durchbruchs von "Fliang", stellt jedoch der klassisch urbairische Gesang der Chiemgauer Blues-Schönheit dar. Claudia Koreck verfaßt ihre Texte nicht etwa in einem "Mainstream-Bajuwarisch", wie einst Nicki, "Relax" oder die "Spider Murphy Gang", sondern tatsächlich im glasklaren, wildwasserreinen Dialekt ihrer Heimat – was im schlimmsten Falle dafür sorgen könnte, daß sich Interessierte in nördlicheren Gefilden mangels Textverständnis gar nicht erst mit "Fliang" auseinandersetzen werden.

Über den Tellerrand blickende, tolerante, aufgeschlossene Spezialisten und Musikgourmets aus der gesamten Republik werden vorliegende Debüt-CD von Claudia Koreck allerdings garantiert schnellstens in ihr Herz schließen. Und, wenn die Gnädigste in Bälde ihre (lyrische) Pubertät hinter sich läßt, und erwachsenere Reime zu ihren durchgehend gelungenen Melodien findet, dürfte man auch bald in Frankfurt, Köln, Berlin oder Hamburg dieselbe Begeisterung für Claudia Koreck und ihre filigranen Folk/Blues-Epen aufbringen, wie es derzeit im bayerischen Raum zweifellos der Fall ist.


Gesamtnote – Musik/Gesang 1 bis 2
Gesamtnote – Texte  3minus

Quelle: Holger Stürenburg, 22./23. August 2007

 

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