20.10.2009 - 00:00:00
CHRISTIAN ANDERS
"Das Wunder von Berlin" ODER Die Wiedergeburt des Schlagerstars Christian Anders - so, wie wir ihn lieben!
Wetten, dass das smago! Gästebuch jetzt neue Nahrung bekommt...? Seit Tagen nämlich wird dort äußerst lebhaft darüber diskutiert, inwieweit die im Umlauf befindlichen Verkaufszahlen der großen Schlagerstars auch tatsächlich stimmig sind. Hat Roland Kaiser tatsächlich mehr als 80 Millionen Tonträger verkauft? Und Udo Jürgens über 100 Millionen?
CHRISTIAN ANDERS gibt zu Protokoll, er habe 20 Millionen verkauft, 14 Nr. 1-Hits + 6 weitere Top 10-Hits gehabt.
Richtig ist, dass er mit "Geh nicht vorbei" (1969) und "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo" (1972) tatsächlich immerhin zwei Nr. 1-Erfolge und insgesamt 11 Top 20-Hits sowie 8 weitere Titel in den Charts platzieren konnte. Und das ist ja auch "kein Schmutz", wie man in Fachkreisen sagt.'' Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben soll, dass sein 1983er Rundfunk-Hit "Gespensterstadt" 26 Jahre später als "Gespensterstadt 2009" die Diskotheken eroberte. Sage und schreibe 13 Wochen lang konnte sich das Liebeslied der etwas anderen Art auf Platz 1 der DJ-Hitparade behaupten. Der mittlerweile 64-jährige Kult-Star erfährt derzeit ein regelrechtes "Revival". Dieter Thomas Kuhn beispielsweise hat auf seinem aktuellen Album "Und ich warte auf ein Zeichen" gleich zwei Anders-Titel gecovert.
Am 15. + 16. Oktober 2009 ging in Berlin die "Christian Anders Show" über die Bühne. In der gar nicht mal so schlecht besuchten "Urania" präentierte Christian nahezu alle seiner großen Hits und Evergreens - größtenteils sogar zu den Original-Playbacks. Nach anfänglichem leichten Schwächeln lief der Sänger, der einen Großteil seiner Erfolgstitel selbst geschrieben, produziert und arrangiert hat, zu wahrer Höchstform auf.
Nach einer sehr herzlich vorgetragenen Ansage durch seine Frau Birgit Diehn ("Ich freue mich, meinen Mann ankündigen zu können: Christian Anders! Viel Spaß heute Abend!") und der vom Band eingespielten "Introduktion" seiner ersten Langspielplatte aus dem Jahre 1969, trat ein bemerkenswert gut und schlank aussehender Christian Anders die äußerst liebevoll gestaltete Bühne.
Mit seinem bis heute größten Verkaufshit "Geh nicht vorbei" - im Übrigen auch einer der langlebigsten Chart-Titel seiner Zeit - begann der verloren geglaubte Sohn des Schlagers sein mehr als 2 1/2-stündiges Programm.
Nach einer sehr herzlichen Begrüßung ("Ich kann Sie zwar nicht sehen, aber ich fühle Sie. Ich spüre Sie. Ich merke schon: Da kommt Energie rüber") gab der Sänger, der "lange in einem fremden Land" war, jetzt "wieder zurückgekommen" ist und erfreut feststellen darf, dass man ihn "nicht vergessen" hat, präsentierte Christian mit "Du gehörst zu mir" einen weiteren seiner ganz, ganz großen Schmachtfetzen aus der Anfangszeit. Hierbei sang er ebenfalls zum Original-Playback. (Lediglich bei "Nie mehr allein", "Der letzte Tanz", "Das schönste Mädchen, das es gibt", "Ruby" und "In Chicago" griff er auf die Neuaufnahmen von Peter Orloff zurück.) Und das alles andere als übel.
Zwischen seinen Songs berichtete er von seinen Anfängen, als "Geh nicht vorbei" "wie ein Sturzbach" über ihn, den kleinen, mittellosen Karatelehrer hineingebrochen" sei und wie ihn eine Musikverlegerin entdeckte.
Mit "Maria Lorena" hatte er eine ganz besondere Perle aus seinem umfangreichen Songrepetoire ausgegraben. Es folgte Hit auf Hit: "Verliebt in den Lehrer", "Ich lass nicht geh'n", "Einsamkeit hat viele Namen" und "In den Augen der ander'n".
Bemerkenswert, mit welch ungemeiner Raffinesse Christian den ganz, ganz höhen Tönen auswich. Doch hierzu muss man eines ganz klar und deutlich sagen: Würde er heute noch - mit immerhin 64 - ALLE diese zum Teil wirklich extrem hohen Töne treffen, dann würde (- möglicherweise auch "unten'rum" -) etwas nicht stimmen. Und so bekam das jetzt schon restlos begeisterte Publikum zu den seinerzeit unter größtem (und heute völlig unvorstellbarem) Aufwand produzierten Playbacks bisweilen neue Gesangsvariationen genießen.
Den (neuen) Song "Ein Hauch von Zärtlichkeit" aus dem Zyklus "Birgit-Balladen" (ein Geschenk an seine Frau, die ihm so viel gegeben hat, gibt und hoffentlich noch ganz, ganz lange geben wird, denn Christian ist seit 2006 ganz anders, ein völlig neuer Mensch...!) sang Christian live zur Gitarre. Ein Stück Musik von Hand gemacht, das auch ein Reinhard Mey geschrieben haben könnte... Christian Anders - das verkannte Genie!
Und schon ging es wieder in die Zeitmaschine - gut und gerne dreißig Jahre zurück. Nach mehr als 500.000 verkauften Singles von "Verliebt in den Lehrer" habe seine Plattenfirma seinerzeit zu ihm gesagt: "Schreib doch mal wieder was Trauriges". Und so sei "Der letzte Tanz" entstanden.
Den äußerst schwer zu singenden - noch einige Jahre älteren - Titel "Wer liebt, hat keine Wahl" bewältigte Christian Anders absolut tadellos. Und dann - "Das Wunder von Berlin" -: Christian traute sich sogar an den letzten ganz, ganz hohen Ton. Spätestens jetzt war der Knoten auch bei ihm geplatzt. War es bislang - und das wohl aus gutem Grunde - den extrem hohen Tönen geschickt ausgewichen, hatte man auf einmal den Christian Anders der 70er Jahre vor Augen. Tosender Applaus, der gar nicht mehr enden wollte, war die Folge.
"Vielen Dank und auf Wiedersehen - bis in zwanzig Minuten", verabschiedete Christian Anders mit einem "Danke, ich liebe Euch" in die Pause.
"Irre, diese Stimme!", befand eine Zuschauerin.
Den zweiten Programmteil startete Christian - nach einer abermaligen Ansage von "Birgit" - mit "Das schönste Mädchen, das es gibt". Und schon ging es wieder ein bisschen in die Tiefe: "Die Jagd nach dem Erfolg" ist nun wirklich etwas für Kenner. Dieser Song, bei dem Christian wieder zu seiner Gitarre grifft, entstammt seinem Musical "Der Untergang von Taro Torsay", das viele, viele Jahre später als 'Trashical' "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo" doch noch ein großer Erfolg werden sollte. (Wenn auch vielleicht nicht ganz im Sinne des Erfinders...)
Dass Christian auch ganz anders kann, bewies er mit einer flotten Version von "La Bamba" - wiederum live zur Gitarre gesungen.
Nach dieser spontanen Einlage berichtete er, wie es seinerzeit zur Trennung von Joachim Heider (Schöpfer solcher unkaputtbarer Klassiker wie "Er gehört zu mir", "Und es war Sommer" und eben auch "Geh nicht vorbei") gekommen sei. Als die Plattenumsätze unter die 300.000-Stück-Marke zurückgingen, habe er, Anders, ihm vorgeworfen: "Bei Dir klingt ja ein Lied wie das Andere", um Heider ein bisschen zu provozieren. Dieser habe ihm dann forsch entgegnet, "dann schreib' Deine Titel doch selbst, wenn Du meinst, dass Du es besser kannst". Der Rest ist Schlagergeschichte: "Es fährt ein Zug nach Nirgendwo".
Mit glockenheller Stimme schaffte der 64-jährige Sänger auch den Titelsong des "BRAVO Foto-Roman des Jahres 1976" "Der Brief" mühelos.
Dann musste ein alter Elvis-Presley-Titel (zur Gitarre vorgetragen) daran glauben. "Es war ein Anfall, es überfiel mich plötzlich", witzelte Christian, bevor man gemeinsam "Das Schiff der großen Illusionen" herbeisehnen durfte.
Nach "Liebe und Licht" - der deutschen Version von "Love Shine A Light" (Katrina & The Waves) und "Donnerstag, 13. Mai" war es dann Zeit für "Gespensterstadt 2009". Die zwei wichtigsten Macher des Labels "3-select" waren extra aus Klagenfurt angereist, um bei diesem Event - der "Christian Anders Show" - mit dabei zu sein. Dank der "Gespensterstadt 2009" hat sich Christian Anders nämlich ein neues Publikum erschlossen, dem größtenteils überhaupt nicht bekannt ist, dass die "Gespensterstadt" bereits 1983 ein kleiner Hit war. (Die Single ist damals "in rotem Vinyl" bei Intercord erschienen.)
Mit "Ruby", "In Chicago" ("In The Ghetto"), "Der Junge mit der Mundharmonika" ("Ich wünschte, dieses Lied wäre für mich geschrieben worden"), "Sierra madre" und dem amtlichen Christian Anders "Hit-Medley" ging ein Abend zu Ende, der einem nach ganz lange positiv in Erinnerung bleiben wird.
Nachdem Warner Music gerade den 67-jährigen Gunter Gabriel ""ausgegraben"" hat, darf man nun gespannt sein, ob eventuell auch bei Christian Anders eine "Major Company" die Gunst der Stunde nutzt (und vor allem: erkennt). Denn: Diese "Christian Anders Show" besitzt Potenzial ohne Ende. Zumal Christian rein gar nichts von einer ungemeinen Aura eingebüßt hat. Und nicht zuletzt Dank der guten "Pflege", die ihm seine Birgit zuteil kommen lässt, ist er derzeit auch so umgänglich wie niemals zuvor in seinem Leben... Speziell der sogenannte "Backkatalog" von Christian Anders schreit förmlich nach (s)einer Auswertung, zumal u.a. auch seine Intercord-Album bislang noch nie auf CD erschienen sind. Wer weiß... - vielleicht erhört ja wer bei EMI den "einsamen Rufer in der Wüste" und bringt zu seinem 65. Geburtstag am 15. Januar 2010 eine tolle 4-CD-Kollektion auf den Markt...
Quelle: Andy Tichler, Chefredakteur www.smago.net
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Kommentare:
20.10.2009 00:09:17
Klingt verlockend.
...wow - viele dieser Songs find ich wirklich stark - "Verliebt in den Lehrer".. - "in den Augen der Anderen"... "Am Strand von Las Chapas"... - "und und und.. -
ich fänd toll, wenn Anders durch's Land mit dem Programm tingeln würde - oder mindestens ins Ruhrgebiet...
geschrieben von: Stephan Imming
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