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07.12.2005 - 00:00:00

BAP
Wissenswertes über ihre außergewöhnliche Retrospektive "Dreimal Zehn Jahre"!

Kann eine Band nach dreißig Jahren ihre eigene Geschichte neu erfinden? Sicherlich nicht! Sie kann aber die eigene Geschichte neu definieren, "die Türen aufreißen und frischen Wind rein lassen", wie Wolfgang Niedecken es formuliert!

Kann eine Band nach dreißig Jahren ihre eigene Geschichte neu erfinden? Sicherlich nicht. Sie kann aber - wie BAP es nun auf dem Doppelalbum "Dreimal zehn Jahre" getan haben - die eigene Geschichte neu definieren, "die Türen aufreißen und frischen Wind rein lassen", so Wolfgang Niedecken. BAP haben für diese ungewöhnliche Werkschau eine Auswahl ihrer Highlights und Sternstunden noch einmal neu interpretiert, hier und da unterstützt von Gaststars, die mit dazu beigetragen haben, dass die Kölner Rockband nun mit einigen faustdicken musikalischen Überraschungen aufwartet.

Herausgekommen ist eine Standortbestimmung mit Stil und voller Stolz. Eine Special Edition des Albums ergänzt diese Doppel-CD um eine reich bebilderte Bonus-DVD rund um die wohl ungewöhnlichste Retrospektive des Jahres. Parallel zum Doppelalbum erscheint die gleichnamige DVD "Dreimal zehn Jahre", eine Zeitreise mit Fernsehauftritten, Konzertaufnahmen und Videoclips aus 30 Jahren; anekdotenreich kommentiert von Wolfgang Niedecken. Ein höchst amüsanter Bildersturm durch die Bandgeschichte. Produzent Wolfgang Stach hat die Kölner Band bei ihrem bis dato umfangreichsten Studioprojekt tatkräftig unterstützt, hat ihr schon bei den ersten Studiosessions mögliche neue Richtungen vorgeschlagen: eine frische Instanz mit gesunder Distanz. Die alten Songs zu "entschlacken, verschlanken und zu modernisieren", lautete das gemeinsame Ziel, so Gitarrist Helmut Krumminga, der wie Keyboarder Michael Nass seit 1999 zur Band gehört. Im nächsten Jahr sein zehnjähriges Jubiläum feiern kann der Bassist Werner Kopal, während Jürgen Zöller, seit 1987 Schlagzeuger bei BAP, schon ein Urgestein ist. Dass diese Besetzung den wohl geradlinigsten Rock'n'Roll spielt, seitdem sich anno 1976 erstmals Musiker um Frontmann und Bandgründer Wolfgang Niedecken formierten, stellte sie bereits auf dem Album "Sonx" (2004) eindrucksvoll unter Beweis. Wie inspiriert, lustvoll und vor allem variabel sie sich nun kreuz und quer durch die eigene Geschichte spielt, verdient höchsten Respekt. Dreißig Songs aus drei bewegenden Jahrzehnten, das klingt schon von Natur aus wie ein Opus magnum. Eingerahmt durch zwei blitzsaubere neuen Songs - wie den im Sauseschritt durch drei Dekaden stürmenden Prolog "Dreimohl zehn Johre" sowie den als Tourhymne angelegten Epilog "Nähxte Stadt" - entfaltet das Doppelalbum ein chronologisches Panoptikum der ganz besonderen Art. Musikalisch gibt bereits der Titelsong mit seiner souveränen Lockerheit den Tenor vor, der sämtliche Aufnahmen beherrschen wird. Jedem Jahrzehnt ist hier eine Strophe gewidmet, von der frühen Identitätsfindung einer Band, die ihren Platz zwischen Bob Dylan und den Rolling Stones sucht, über die zunehmende politische Relevanz bis hin zu den vielen Reisen und Richtungswechseln. BAP war schon immer eine Band in steter Bewegung.


 



In all den Jahren mag es zu zahlreichen denkwürdigen Auftritten und Begegnungen gekommen sein, so unterschiedliche künstlerische Kollaborationen wie auf "Dreimal zehn Jahre" gab es jedoch noch nie. Jede Menge magischer Momente sind mit den Duettpartnern entstanden, berührend und intim wie bei Meret Becker ("Paar Daach fröher") und Xavier Naidoo ("Dir allein"), voller Soul und Tiefgang wie bei Martha Jandova von Die Happy ("Lena") und Laith Al-Deen ("Kristallnaach"), forsch und unbekümmert wie bei Culcha Candela ("Time Is Cash, Time Is Money") und Nino Skrotzki von Virginia Jetzt! ("Fortsetzung folgt"). Oder so unerwartet und ungewöhnlich originell wie bei Thomas D ("Verdamp lang her") und Hubert von Goisern ("Rita, mir zwei"). Selbst der aparte Backgroundgesang, mit dem Suzie Kerstgens von Klee der Single "Frau, ich freu mich" jugendlichen Charme verleiht, ist eine ungemeine Bereicherung.

Ray Davies gebührt unter all den prominenten Gästen ein Ehrenplatz, gehört er doch schon seit jeher zu den ganz großen Idolen von Wolfgang Niedecken. Kennen gelernt hatte Niedecken den legendären Frontmann der Kinks bereits 1984, als sich BAP für ein Konzert in der Frankfurter Festhalle die englischen Popidole als Wunsch-Act auserkor. Die gemeinsamen Aufnahmen zu "Hollywood Boulevard" fanden in London statt - genau an dem Tag der schrecklichen U-Bahn- Attentate. Den deutschen Text zu der Adaption des Kinks- Songs "Celluloid Heroes" schrieb Niedecken bereits vor einigen Jahren, und zwar tatsächlich in Hollywood, als er dort mit dem Regisseur Wim Wenders drehte. Die außergewöhnliche Werkschau von BAP war die Gelegenheit, "Hollywood Boulevard" endlich gemeinsam mit Ray Davies in Angriff zu nehmen. Durch seine sanft schimmernde Reibeisenstimme strahlt dieser galant verschleppte Reggae eine wohlige, fast altersweise Temperatur aus. BAP sind hier Kinks for a day. Übrigens ist dies der einzige Song des Doppelalbums, der nicht von BAP stammt. BAP haben ihren Mythos vor allem zwei frühen Songs zu verdanken, die zugleich Kult und Popkultur sind: "Verdamp lang her" und "Kristallnaach". Beides Prototypen einer kongenialen Aufarbeitung von Geschichte, Meilensteine der Karriere, bei denen es schwer fällt, sich diese Klassiker mit ganz anderen Konnotationen vorzustellen.

Thomas D hat in "Verdamp lang her" einen besonders frischen Wind hinein gebracht. Der Rapper der Fantastischen Vier wünschte sich den kompletten Songtext auf Hochdeutsch und Wolfgang Niedecken hat ihm den Wunsch weitestgehend erfüllt. So gibt es auf dem Album gleich zwei unterschiedliche Sprachversionen von "Verdamp lang her", diesem unverwüstlichen Klassiker, der in seiner Neuauflage an Klarheit und Drive entscheidend gewonnen hat.

Kräftig zugelegt hat auch die neue Version von "Kristallnaach", die Laith Al-Deen mit dem kraftvollen Soul seiner Rockstimme bereichert, womit er wesentlich dazu beiträgt, dass der Song vor Energie fast aus den Nähten platzt. Da spürt man, dass die Teilnahme der Gastsänger auch zusätzliche Kräfte bei den BAP-Musikern frei gesetzt haben muss. Das gilt ganz besonders für die atmosphärischen und eindringlichen Balladen. Zu einem der wohl zärtlichsten Liebeslieder in deutscher Sprache überhaupt avanciert die Neuauflage von "Paar Daach fröher": Meret Becker ist es hier mit ihrer "elfengleichen Performance" (Niedecken) gelungen, dieser Herbstballade eine hauchzarte Intimität zu verleihen.

Für eine besondere spirituelle Tiefe sorgte Xavier Naidoo bei "Dir allein", einer mit schlichtesten Mitteln vorgetragenen Ballade über die Kraft der Einsamkeit, die der verstorbenen BAPSängerin Sheryl Hackett gewidmet ist, deren Gospelstimme hier noch einmal erstrahlt. Sicherlich die berührendste Performance des Albums, die so eindringlich ist, dass sie schlichtweg unter die Haut geht. Eine ganz andere Magie verbreitet die Soulstimme von Martha, der Leadsängerin von Die Happy. Während die Band die feuchtschwere Atmosphäre zwischen Deltablues und den Doors erzeugt, verleiht Martha im Zusammenspiel mit Wolfgang dem Song genau jene Erotik, die Maria Bäumer in dem Videoclip von Wim Wenders verkörperte. Hellwach rocken die fünf Musiker in vielen anderen Momenten wie etwa bei "Anna" oder "Denn mir sinn widder wer", dieser Hymne gegen falschen Nationalstolz.

Wie verwandelt erstrahlt auch "Nix wie bessher": dieser Song, der eigentlich von den Straßen Kölns handelt, in denen Niedecken aufwuchs, fährt jetzt auf der Überholspur jener Highways, auf denen Tom Petty beheimatet ist, samt Gitarrenbrettern und fettem Hammondsound. "Wellenreiter" überrascht mit galanter Clapton-Gitarre und dylanesk wirkendem Reggae-Rhythmus. Zu einem geradezu klassischen Dylan-Track avancierte "Rita, mer zwei". Das Duett von Hubert von Goisern und Wolfgang Niedecken, angefeuert von Ziehharmonika und Akustikgitarre, ist ein humorvoller und sprachlich brillanter Schlagabtausch zwischen den Dialekten aus Österreich und Köln. Auch Culcha Candela, die Berliner World-Beat-Formation mit starkem Reggae-Einschlag, bezeichnet Niedecken als "absoluten Glücksfall". Dank der erquickenden Fröhlichkeit der jungen Band ist aus "Time Is Cash, Time Is Money", ursprünglich eine Persiflage auf Sommerhits, nun ein potenzieller Reggae-Hit geworden.

Für eine Neuauflage von "Widderlich" diesem heftigen Plädoyer gegen Rechtsradikalismus und Duckmäusertum engagierte BAP Henning Wehland, den Sänger der H-Blockx, der nicht mit von der Partie sein konnte, als seine Band 1995 BAP bei den Aufnahmen von "Wahnsinn" unterstützte. Mit seiner geradezu explosiven Performance gibt Henning dem Song neue Schärfe: ein musikalischer Kraftakt, so zeitlos stark wie seine unmissverständliche Botschaft.

Eine Lieblingsband jüngeren Datums ist Virgina Jetzt!, mit deren Sänger Nino BAP einem in die Jahre gekommenen Song "Fortsetzung folgt" eine Frischzellenkur verpasst. BAP klingt hier ebenso unverbraucht und frisch wie auf der Single "Frau, ich freu mich", die, runderneuert zum gelassen und gradlinig treibenden Roadsong wird und durch Suzies (Klee) junge Stimme an Flair hinzugewinnt. Manchmal führen auch einfache Kniffe zu einem verblüffenden Ergebnis, wie bei "Alles em Lot". Wolfgang Stach : "Dieser Song ist eine Nummer mit einem unglaublich starken Text, die aber sehr poporientiert war. Da hatten wir die Idee, das mal ganz runter zu strippen, auf eine ganz einfache, pure Art. Die Intensität des Textes ist jetzt viel stärker." Gerade in solchen Augenblicken kommt die enorme Experimentierlust und Spielfreude von BAP perfekt zur Geltung. So lassen sich viele bekannte Songs völlig neu entdecken. "Das große Plus ist", konstatiert denn auch Schlagzeuger Jürgen Zöller, "dass wir die Songs jetzt mit einem noch besseren Gefühl spielen."

Die Retrospektive verdeutlicht insgesamt die hohe Qualität der Songs und die kompositorische Klasse von BAP. Sie demonstriert aber auch einmal mehr, warum Wolfgang Niedecken mit seiner bild-, bildnis- und bildungsreichen Sprache zu den besten deutschen Songtextern gezählt wird. Eine perfekte Ergänzung und einen ausführlichen Einblick in das Albumprojekt "Dreimal zehn Jahre" bietet die Bonus-DVD der Special Edition. Monika Marcowitz, die auch bei den jüngsten Videoclips von BAP Regie führte und die Band in den letzten Monaten filmisch begleitetet hat, konnte die schillernden Momente mit den Duettpartnern sowie die ausgelassene Stimmung im Studio und auf den Konzerten einfangen. Sie hat Interviews mit den Musikern geführt und einige Songs exklusiv für diese DVD verfilmt.

Die gleichnamige DVD "Dreimal zehn Jahre" verfolgt einen ganz anderen Ansatz. Die Videoanthologie ist eine kunterbunte Aufbereitung der eigenen Geschichte. Ein Bilderrausch, zusammengestellt aus Konzertaufnahmen von Rock gegen Rechts bis Rockpalast, aus Fernsehaufzeichnungen bei Biolek, Gottschalk und Elstner sowie aus Videoclips, sowohl den professionell von DoRo (Dolezal/Rossacher) bis Wim Wenders gedrehten, als auch den eher missglückten, wie etwa das legendäre und nie veröffentlichte Video zu "Alles em Lot", das letztlich doch nur eine weiß geschminkte Band unter einer Tapezierfolie zeigte. Gerade aber dieses Prunkstück aus dem Kuriositätenkabinett macht deutlich, dass BAP über ein gesundes Maß an Selbstironie verfügt. Das gilt nicht minder für das Bandporträt, das der international renommierte Künstler Sebastian Krüger, der schon für das "Pik Sibbe" Cover verantwortlich zeichnete, für das Artwork malte. Das Tafelsilber von BAP ist gerichtet, doch dass es so sehr glänzen würde, damit hätte selbst die Band nicht gerechnet.

"Dreimal zehn Jahre" wird für Generationen von deutschen Rockmusikfans ein Vorbild sein, wie man auch nach Jahren, nein Jahrzehnten die Spannung hält. Wie einzigartig dieses Projekt ist, das die Fanfare zu der großen Jubiläumstournee im Jahr 2006 bildet, verdeutlicht auch das musikalische i-Tüpfelchen des Albums: "Einmal nur in unserem Leben" heißt die poetische Klavieretüde, die Herbert Grönemeyer für das Album der Kölner Band aufgenommen hat. Sie beschließt ein Werk, das zeigt, dass sich eine Band auch neu erfinden kann, indem sie Gestern und Heute zu einer schlüssigen Einheit verschmilzt.


TITELLISTE MIT HÖRPRORBEN

CD 1
1.
Dreimal 10 Jahre
2.
Helfe kann dir keiner
3.
Anna
4.
Jraaduss
5.
Ne schöne Jrooss
6.
Verdamp lang her
7.
Frau ich freu mich
8.
Wellenreiter
9.
Kristallnaach
10.
Do kanns zaubere
11.
Nemm mich mit
12.
Alexandra, nit nur du
13.
Time Is Cash Time Is Money
14.
Ahl Männer, aalglatt
15.
Fortsetzung folgt
16.
Verdamp lang her (Solo-Version BAP)
TITELLISTE MIT HÖRPROBEN

CD 2
1.
Denn mir sinn widder wer
2.
Alles em Lot
3.
Paar Daach fröher
4.
Widderlich
5.
Rita, mer zwei
6.
Amerika
7.
Nix wie bessher
8.
Lena
9.
Ahnunfürsich
10.
Aff un zo
11.
Dir allein
12.
Hollywood Boulevard (Cellulloid Heroes)
13.
Rövver noh Tanger
14.
Unger Krahnebäume
15.
Nähxte Stadt
16.
Einmal nur im Leben

Quelle: EMI / Capitol

 

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