05.11.2007 - 00:00:00
BÄÄÄRENSTARK!!!
Die Doppel-CD "Bääärenstark!!! – Hits 2007 – Die Schlager des Jahres" im Test von Holger Stürenburg!
Hier – kommt – Balu" müßte an dieser Stelle eigentlich der Berliner Kabarettrocker Frank Zander proklamieren – denn der liebenswerte Zeichentrick-Bär diesen Namens hat dieser Tage mal wieder kraftvoll drauflos gelegt und für die brandaktuelle Ausgabe der SONY-BMG-CD-Reihe "Bääärenstark" die (so der Untertitel) "Hits 2007 – Die Schlager des Jahres" mit viel Liebe und Akribie zusammengestellt.
Sage und schreibe 42 Titel mit einer Gesamtlaufzeit von knapp zweieinhalb Stunden, fuhr das süße, blaue Bärchen diesmal auf, um Sammlern, Chronisten und Schlagerhistorikern einen weitestgehend perfekten Überblick über all das zu verschaffen, was in den letzten zwölf Monaten das einheimische Popgeschehen maßgeblich bestimmte.
Gleich die ersten beiden Beiträge auf CD-01 von "Bääärenstark – Hits 2007" stellen jene zwei Newcomer vor, ohne die das Schlagergeschehen diesen Jahres im Grunde genommen undenkbar gewesen wäre.
Einleitend darf "Schlagertraumfrau" Helene Fischer ihren flotten Chartshit "Mitten im Paradies", entnommen ihrer Top-5-Produktion "So nah, wie Du", anstimmen, bevor – wie kann es anders sein? – der Kärntner Charmeur Nik P. - vielleicht ja der lieben Helene - seinen grandiosen "Stern" widmet – einen über zehn Jahre alten Discoreißer, der (viel zu) lange im Archiv schmorte, aber im Frühjahr 2007 von heute auf morgen insgesamt elf Wochen den ersten Rang der "Media Control"-Listen belegte und zudem innerhalb kürzester Zeit Evergreenstatus zu erzielen vermochte: Ein treibender, fetziger Ohrwurm bester Güteklasse, der zweifellos deutsche Schlagergeschichte geschrieben hat – aber zugleich auch Epigonen, um nicht zu sagen: "Trittbrettfahrer", anlockte. So etwa einen darüber hinaus nicht weiter geläufigen Jungspund namens "Nic", dessen balladeske Auslegung des sternenhellen Chartbreakers "Immer noch (Stern Part 2)" ebenfalls auf "Bääärenstark – Hits 2007" berücksichtigt wurde.
Der "wahre" Nik P. konnte 2007 noch einen weiteren Hit feiern: Im Verbund mit der attraktiven Schlagerlady Claudia Jung, veröffentlichte er eine äußerst schmackhafte deutsche Version des Lee Hazlewood/Nancy Sinatra-Klassikers "Summerwine" unter dem Titel "Sommerwein – wie die Liebe süß und wild", dessen kongenialen muttersprachlichen Text aus der Feder von Joachim Horn-Bernges Nik und Claudia auch auf vorliegender Doppel-CD herausragend interpretieren.
Eine weitere interessante Neuentdeckung diesen Jahres ist die bildhübsche Österreicherin Allessa. Unter der Regie der Kölner Erfolgsproduzenten Peter Power/Uli Jonas, die in den 80ern u.a. Romantikpopper Michael Stein in die höchsten Sphären der Hitparaden führten, nahm die junge Frau einen ganz speziellen Titel neu auf – was beim Rezensenten zunächst eher gemischte Gefühle auslöste.
Einer jener deutschen Schlager, die für den Verfasser dieser Zeilen auf immer und ewig mit dem düster-melancholischen-mystischen Herbst des "Orwell-Jahres" 1984 verbunden bleiben, ist eindeutig Howard Carpendales traurig-aufwühlender Großstadtblues "Samstag Nacht". Letztlich "uncoverbar"... und doch gelang es Allessa 23 Years after mittels einer Neufassung, einerseits ohne unnötigen "Discobums", diesem zeitlosen Evergreen neues Leben einzuhauchen, andererseits – und dies ist ihr und ihrem Produzententeam ganz besonders hoch anzurechnen – das unvergleichliche Flair, die prickelnd-herbstliche Atmosphäre dieses Titels in keinem einzigen Takt zu zerstören. Also, Hut ab vor einer jungen Sängerin, von der wir in Futuro bestimmt noch eine Menge hören werden!
Zu den qualitativ hochwertigsten Beiträgen auf "Bääärenstark – Hits 2007" zählen ohne Frage die aktuellen Titel von Roland Kaiser bzw. Andreas Martin.
Der heutzutage in Münster ansässige Dauerhitlieferant der 80er Jahre – erinnere: "Santa Maria", "Lieb mich ein letztes Mal", "Dich zu lieben" etc. u.v.a. – hatte in den letzten zehn Jahren durchaus sehr ansprechende, aber niemals so recht ewigkeitstaugliche Lieder vorgelegt. Dies hat sich 2007 radikalst geändert. Schon Roland Kaisers erste 2007er-Single "Sexy warst Du schon immer" ließ enorm positiv aufhorchen, zeigte sie den zuletzt von gesundheitlichen Problemen arg gezeichneten Edelpopper doch wiederum in jugendlichster Bestform. Für "Bääärenstark – Hits 2007" wurde Rolands zweite Singleauskoppelung aus seinem derzeitigen Top-40-Album "Sexy" eingekoppelt: "Was weißt Du schon von Liebe?" ist ein sanft zynisches "Anti-Liebeslied" bester Machart und wird in diesen Tagen republikweit im Radio – ganz zurecht – rauf und runtergespielt.
Das Neunkirchner Multitalent Andreas Martin lieferte Anfang des Jahres seinen Einstand bei Ariola, dem Schlagerlabel von SONY-BMG, ab. Das Album "100 Prozent Sehnsucht" ging zwar nicht sogleich in die Charts, erwies sich aber seit Erscheinen als wahrer Dauerbrenner. Eine höchst reputierliche Radiosingle folgte der nächsten – doch für hier analysierte Doppel-CD wagten die Verantwortlichen etwas ganz und gar nicht alltägliches: Anstelle der überaus eingängigen, aktuellen Radioauskoppelung "Sie sagte", suchte man die eher unkommerzielle Ballade "Nichts ist für immer" aus, einen entfernt an "Desperado" von der US-Westcoast-Legende "Eagles" gemahnenden Schleicher, den Andreas für einen viel zu früh verstorbenen Freund geschrieben hat, und vielleicht nicht unbedingt ins computerbestimmte Formatradio, aber – zumindest aus der Sicht des Rezensenten – letzten Endes phänomenal in den trüben Herbst und die bald anbrechende, besinnliche Adventszeit paßt, weshalb die Einkoppelung gerade dieses Titels als spezifischer Höhepunkt auf "Bääärenstark – Hits 2007" anzusehen ist.
Auch andere alteingesessene "Altstars" des Deutschen Schlagers dürfen auf vorliegender Doppel-CD selbstverständlich nicht fehlen: "Schlagerkanone" Bernhard Brink grölt sich durch den drallen Up-Tempo-Popper "Ausgerechnet Du", die saarländische Powerfrau Nicole zelebriert den lyrisch vieldeutigen, musikalisch absolut elitär ausgefallenen Soulschlager "Ich lieb Dich ohne Ende", "Lady Show" Ireen Sheer stellte den fröhlich-offensiven Muntermacher "Ich bin wieder da" für "Bääärenstark – Hits 2007" zur Verfügung; in die gleiche Kategorie fällt der konsequente Tanzflächenfüller "Wer weiß denn schon, was Sünde ist" des sympathischen Schweizers Leonard.
Profunden Romantikschlager guter, alter Manier hören wir von den unzerstörbaren 80er-Jahre-Legenden G.G. Anderson ("Küsse schmecken einfach besser"), Tommy Steiner ("Ich muß mich neu verlieben") oder dem sagenumwobenen Gesangstrio "Fernando Express" ("Tanz auf dem Vulkan"), das dieses Jahr immerhin sein 25jähriges Bühnenjubiläum feiern konnte.
Neuere Namen, wie Andreas Fulterer ("Nur Du"), Gerd Christian ("Der Sommer meines Lebens") oder die schier hervorragend den musikalischen Zeitgeist der seligen 50er Jahre in die Jetztzeit übertragenden Jungs von "Tanzpalais" ("Und dann halt ich Dich zärtlich im Arm") sorgen dafür, daß das Genre "Neuer Deutscher Romantikschlager" auch ein Vierteljahrhundert nach seinem Entstehen, immer wieder eine Frischzellenkur verabreicht bekommt.
Eher im mediterranen bzw. Latino-Bereich angesiedelt sind dagegen knallige, urbane Discohymnen von z.B. Uta Bresan ("Komm, laß uns tanzen"), Olaf Berger ("Te Quiro Mi Amor") oder Axel Becker ("Sommer des Lebens").
Des Rezensenten einstiger Deutschlehrer, Klaus von S., hätte sie eine "Tragödie auf Beinen" genannt: Tanja Hewer alias "Michelle" veröffentlichte 2007 ein paar Nacktphotos zuviel – kurz darauf zog sie sich entnervt und vermutlich auf Nimmerwiedersehen aus der Schlagerszene zurück. Ironie des Schicksals: Ihre allerletzte Radiosingle – fraglos eine peppige, flotte Tanznummer mit Anspruch – nannte sich "Vergiß meinen Namen"... Ja, liebe Tanja/Michelle... ich befürchte, die meisten Schlagerfreunde in diesem unseren Lande haben genau dieser Aufforderung längst Folge geleistet...
Eine nicht weniger hocherotische Frau startete 2007 ein – zumindest kleines – Comeback: Isabel Varell, die in den 80er Jahren mit rasanten Pop/Rockern der Sorte "Baby Rock’n’Roll", "Verträumt" oder "Die Sonne geht auf" brillierte und seinerzeit schnellstens zum Geheimtip für Freunde gehobener, nicht zu kommerzieller Popschlager erwuchs, stellte 2007 den frechen, aufmüpfigen Mid-Tempo-Popper "Bye, Bye, Baby" vor – auf dem Markt zwar nicht so berauschend gelaufen, wie in Sachen Qualität eigentlich zu erwarten war, aber immerhin ein konstruktives Lebenszeichen einer stets unterschätzten Künstlerin.
Daß der Verfasser dieser Zeilen nicht unbedingt zu den unverbrüchlichen Fans von Michael Wendler bzw. der "Zipfelbuben" zählt, dürfte den Lesern seiner Kolumnen nicht verborgen geblieben sein. Und trotzdem: Beide genannten Acts haben ihn nun sehr positiv überrascht.
Discofox-Protagonist Wendler legte 2007 mit "Sie liebt den D.J." einen so romantischen, wie ultraeingängigen Clubklassiker vor, die "Zipfelbuben" entfernten sich von unsinnigem Blödelzeugs und präsentieren auf "Bääärenstark – Hits 2007" einen ehrlichen, liebevollen, klassischen Popschlager namens "Unser Lied", der den Rezensenten seine bisherigen Vorurteile tatsächlich gründlich überdenken läßt.
"Bääärenstark – Hits 2007" bietet ohne Zweifel ein - soweit – vollständiges Resümee hinsichtlich des Schlagerjahres 2007. Das wichtigste, bedeutsamste und erfolgreichste aus diesem Genre wurde darauf mit gleichviel Emotion, wie Ratio, kompiliert. Warum allerdings ebenso interessante SONY-BMG-Produkte, die zwar eher dem Deutschpop/Rock-Bereich entsprungen sind – der Rezensent denkt hier etwa an z.B. Heinz Rudolf Kunze ("Die Welt ist Pop") oder Claudia Koreck ("Fliang") -, aber trotzdem nicht wenig zum musikalischen Lebensgefühl des Jahres 2007 beigetragen haben, NICHT für die aktuelle "Bääärenstark"-Ausgabe auserkoren wurden, bleibt ein Rätsel...
Gesamtwertung: 2plus
Quelle: Holger Stürenburg, 31.10./01.11.2007
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