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20.03.2008 - 00:00:00
ALLESSA
Die CD "Samstag Nacht" im Test von Holger Stürenburg!
Zu den atmosphärischsten und zeittypischsten, wie gleichsam zeitlosesten Deutschen Schlagern der 80er Jahre zählen ohne jegliche Zweifel Howard Carpendales düster-bluesige Großstadt-Ode "Samstag Nacht" (1984) und Roger Whittakers verregnete Romantikballade "Laß mich bei Dir sein" (1987).
Zwei Titel, die für den Verfasser dieser Zeilen ganz intime, persönliche Jugenderinnerungen bedeuten, weshalb er – hier ausnahmsweise mal ganz dogmatischer Purist – mehr als nur skeptisch reagierte, als er vor rund einem Jahr vernahm, eine ca. 28jährige Österreicherin namens ALLESSA habe gerade diese beiden musikalischen "Lebenselixiere" seiner Person so mir nichts, Dir nichts neuaufgenommen.
Wie oft, in den letzten Jahren, wurden phänomenale Ewigkeitsklassiker der 70er und 80er Jahre von neumodischen Interpreten geradezu verhunzt. Es gab zuletzt reale klangliche "Vergewaltigungen" z.B. von "Ich weiß, was ich will" (Udo Jürgens) oder "Joana" (Roland Kaiser) zu hören – billigste Neuproduktionen, bei denen sich beim Rezensenten sprichwörtlich die Fußnägel aufrollten.
Und dann, Mitte 2007, auf einmal die Info, "Samstag Nacht" – DER Hit des dunkel-romantisch-melancholischen Herbstes 1984, als mich soeben meine sog. "Erste Liebe" Melanie zurückgewiesen hatte, mein Vater im Sterben lag und unser nicht gerade wohlriechender, grün-alternativer Physiklehrer Rainer A. sich beharrlich weigerte, zumindest alle drei bis vier Wochen mal eine Badewanne heimzusuchen – läge in Bälde in einer Neufassung vor... "Schiere Blasphemie", schoß mir als erstes durch den Kopf... bis ich diese aktuelle Auslegung von Howards genialischem Jahrhundertevergreen erstmals vernahm...
Die bildhübsche, brünette Steirerin Allessa hatte es tatsächlich auf perfekteste Weise vermocht, "Samstag Nacht" einerseits frisches Blut zu verabreichen, andererseits aber das legendäre, eigentlich unkopierbare Flair dieses wundervollen Pop/Rock-Schlagers ohne Abstriche beizubehalten und zudem anstandslos aus den 80ern ins Hier und Heute zu transferieren.
Mit starker, kraftvoller Stimme beseelt, trug die einstige Frontfrau der von ihr selbst 1997 begründeten Girl-Band "C-Bra" Howards Deutschpop-Meilenstein vor – erleichterte sogleich den Rezensenten und führte diese, ihre Solodebütsingle im Sommer 2007 bis auf Rang Eins der österreichischen Airplaycharts.
Ein Grund mehr für die deutsche Dependance von SONY-BMG, Allessas erste CD – natürlich "Samstag Nacht" betitelt – nun auch in hiesigen Gefilden zu veröffentlichen, was am 20. März diesen Jahres – ergo, am Gründonnerstag – entsprechend vonstatten geht.
Auf dieser fulminanten Produktion finden sich 16 überaus eigenständige Titel, die allesamt jederzeit beweisen, daß Allessa nicht nur eine phantastische Interpretin bereits bekannter Lieder – eben etwa von "Samstag Nacht" oder "Laß mich bei Dir sein" – ist, sondern auch brandneues Songmaterial, mehrheitlich aus der Feder ihres aktuellen Produzententeams Peter Power/Ully Jonas, über weite Strecken regelrecht brillant vorzutragen in der Lage ist.
Wir hören auf "Samstag Nacht" treibende, eingängige Gitarrenpop-Schlager in bester 80er-Jahre-Tradition ("Der Himmel weint heut Nacht", "Schiff meiner Reise", "1.000 Fragen", "Wenn Du willst, dann geh doch"), tanzbare, nächtlich-urbane Disco-Nummern mit südamerikanischem Einschlag ("Roter Wein" – übrigens von der Sängerin selbst betextet), romantische Abschiedsballaden ("Goodbye, Adios Carino", "Der Ring, den Du trägst"), sogar rockige Untertöne ("Dieser Abschied war kein Ende") und kesse, freche Popschlager-Hymnen von hoher Qualität ("Das will ich alles gar nicht wissen").
Titel Numero 3 auf vorliegender, knapp einstündiger Silberscheibe nennt sich "In der Welt der Illusionen" und trägt den Untertitel "Michelle". Hierin geht es um einen weiblichen "Star für Millionen" (Textzitat) der auf den Namen "Michelle" hört, an seinem Ruhm zerbricht, für seine Reputation bitter bezahlen muß und sich schlußendlich aus der Showbranche zurückzieht... Beim Lesen dieses Textes bzw. dem Hören von "In der Welt der Illusionen (Michelle)" müßte sich eigentlich jeder gutinformierte Schlagerfreund an eine gewisse gleichnamige Person aus dem Business erinnern, deren Schicksal kaum anders verlaufen ist, als in hier analysiertem Titel beschrieben... Nicht, daß Allessa bald eine Persönlichkeitsrechts-Klage ebenjener "Schlagertragödie auf Beinen" am Hals hat...
Ach ja, noch eine weitere, nicht unspannende Coverversion – neben den wahrlich sehr gelungenen Reanimierungen der genannten 80er-Kracher von Howard und Roger – hat Allessa für ihre Debüt-CD ausgewählt: Anfang 1972 feierte der britische Popsänger Barry Ryan hierzulande mit der von seinem Zwillingsbruder Paul verfaßten, dramatischen Mid-Tempo-Ballade "Die Zeit macht nur vor dem Teufel halt" einen formidablen Top-10-Hit. Genau diesen Titel interpretiert nun Allessa neu als "Die Zeit", wobei hier leider die positive Hysterie und rasante Melodramatik des Originals nicht erreicht werden.
Allessa weist fraglos enormes gesangliches Talent auf. Sie ist äußerst hübsch, besitzt Ausstrahlung und Selbstständigkeit. Allerdings wird auf "Samstag Nacht" allzu häufig auf den "Helene-Fischer-Effekt" gesetzt, sowohl in Sachen Intonation, als auch hinsichtlich (zu) vordergründiger Erotik in der Vermarktungsstrategie der stimmstarken Lady. Schlußendlich – hier ist der Phonetik-Fetischist Holger Stürenburg sehr radikal puristisch - verschluckt Allessa häufig Silben, so daß sie an dieser Problematik, gemeinsam mit ihrem Produzententeam, schnellstmöglich arbeiten sollte, um ihr selbst einen fraglos jederzeit möglichen Durchbruch an die Spitze des Deutschen Schlagers nicht unnötig zu verbauen bzw. zu erschweren.
Die Arrangements sind allerdings durchgehend schier hervorragend geraten; "echte" Instrumente vermitteln beste, authentische Livequalitäten der 16 Songs. Obwohl sämtliche musikalische Verkleidungen modern und zeitnah gehalten sind, werden wir "Alt-80er" keinesfalls auch nur in Nuancen verschreckt. Sie fielen im zutreffendsten Sinne des Wortes vollkommen unspektakulär aus und verzichten ausnahmslos auf grelle Effekthascherei und unnötigen technischen Schnickschnack – was sicherlich auch daran liegt, daß Allessas Produzenten bereits in den 80er Jahren sehr aktiv waren und z.B. mit Michael Stein, Bernhard Brink oder Christian Anders reputierliche Erfolge im klassischen Romantikschlager-Sound jener Dekade feiern konnten.
Von erwähnten (wenigen) Kritikpunkten abgesehen, stellt "Samstag Nacht" aber eine höchst faszinierende CD dar, die alle wichtigen Facetten des Schlagergenres herausragend umfaßt und bündelt - dargeboten von der sehr imposanten Stimme einer mehr als nur attraktiven jungen Dame, der mit einiger Sicherheit alle Türen in der Szene offen stehen werden!
Gesamtnote: 2plus
HIER finden Sie alle Sendetermine des smago! Radio Spezials "Samstag Nacht" zur Debüt-CD von Allessa!
Quelle: Holger Stürenburg, 04./05. März 2008
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