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18.04.2005 - 14:15:13
ALAN WOERNER Holger Stürenburg für uns/für Sie war am 17.04.05 in Hamburg in der Prinzenbar!

Dies war eine tolle, spannungsreiche und kurzweilige Reise in selige Jugendzeiten inmitten der coolen 80er! Fast auf den Tag genau vor 18 Jahren hatte der aus Frankfurt/Main stammende Singer/Songwriter ALAN WOERNER sein bislang letztes Gastspiel in Hamburg absolviert. In der zweiten Aprilhälfte 1987 standen in des Rezensenten Leben die unumgänglichen Abschlußprüfungen nach der zehnten Klasse an, deren gutes Bestehen eine notwendige Voraussetzung für die Erreichung des Abiturs ein paar Jahre später bedeuten sollte. Frau Mutter war alles andere als begeistert, als Sohnemann Holger selbstbewußt ankündigte, mitten während der Prüfungswochen zwecks Konzertbesuchs die Markthalle frequentieren zu wollen. Doch Klein-Holger konnte sich letztendlich durchsetzen. Am 27. April 1987 spielte die aus Köln stammende Popband Purple Schulz - unter Anwesenheit des kaum 16jährigen Rezensenten - in dem mittelgroßen Konzertclub am Hauptbahnhof, das (den Hauptact qualitativ eindeutig in den Schatten stellende) Vorprogramm bestritt seinerzeit ein junger Mann namens Alan Woerner, seines Zeichens landauf, landab hochgelobtes Popwunderkinder, das Ende 1986 sein von Medien und Fans unisono in den höchsten Tönen gefeiertes zweites CBS-Album „Eins plus Eins" veröffentlicht hatte, auf dem der kreative Schöngeist, unterstützt von den bekanntesten Namen der pulsierenden Berliner Popszene (Manfred Maurenbrecher, Ulla Meinecke, Udo Arndt etc.), das sympathisch Proletarische eines Rio Reiser mit dem stilvollen, elitär anmutenden Habitus der Mitt-80er-Yuppies kongenial verband. Viele trauten dem hochbegabten Sänger, Gitarristen und Liederschreiber in jenen Tagen eine effektvolle Karriere zu, besonders gerade deshalb, weil deutschgesungene Popmusik nach dem durch die NDW verursachten Dammbruch längst von einer geheimnisumwobenen Obsession verschrobener Musikgourmets zum massentauglichen Stoff für die Hitparaden erwachsen war. Purple Schulz, aber auch Klaus Lage, die Münchener Freiheit, Steinwolke, Cora oder Paso Doble waren beste Beispiele hierfür. Schlußendlich kam aber alles ganz anders. Nach kreativitätshemmendem Streit mit seiner damaligen Plattenfirma CBS (heute: SONY-BMG) und einer letzten, gnadenlos untergegangenen Single mit dem Titel „Wenn, dann für immer", war Alan Woerner plötzlich, scheinbar von einer Sekunde auf die andere, wie vom Erdboden verschluckt. Niemand wußte, wo er sich aufhielt, seine Platten verschwanden schnurstracks vom Markt, mannigfaltig zelebrierte 80er-Gedenkfeiern kamen ohne ihn und seine feingliedrig-feudalen Poparien aus.
Es sollte tatsächlich ganze 18 Jahre dauern, bis das sensible Poptalent vollkommen unerwartet, wiederum von heute auf morgen, neue Lieder vorlegte. Im Sommer 2004 erschien Alan Woerners insgesamt drittes Deutschpopalbum „109" beim kleinen, aber feinen Hamburger Label „27 Music". Ohne seine Herkunft aus den tiefsten 80ern zu verleugnen, hatte der knapp 50jährige darauf durchaus moderne, zeitnahe, alles andere als angestaubt wirkende deutschsprachige Rock/Pop-Kompositionen eingespielt: Rauh, geradeaus, kantig, etwas spröde, nicht selten zynisch, aber auch heutzutage angefüllt von einer Unmenge Romantik, Sehnsucht und Gefühl. Ein Comeback, über das sich mangels Kenntnis früherer Zeiten vielleicht nicht unbedingt der hitparadenhörige Teenie freuen konnte, dafür aber umsomehr der unverbesserliche Alt-86er, der zuletzt leidvoll feststellen durfte, daß das glorreich ausgerufene Revival „seiner" Dekade kaum mehr bedeutete, als mit grausigen Disco-Bums-Rhythmen unterlegte Neufassungen einstiger Tanzflächenfüller von Moti Special, Nik Kershaw, Modern Talking und deren Epigonen oder – noch bedauernswerter - lasche, häufig gar lachhafte neue Alben alter Helden der Sorte Duran Duran oder Erasure.
Nur kurz nach dem Erscheinen von „109", stellte Alan Woerner seine besten Songs aus den 80ern für die CD „Retro" zusammen; spätestens jetzt war der Moment gekommen, es auch mal wieder „live" zu versuchen. Vor immerhin mehr als 50 begeisterten Fans, Freunden und Zeitzeugen beendete der seit längerem zwischen Hamburg und Hessen hin und her pendelnde Lockenkopf am vergangenen Sonntag seine kleine Deutschlandtournee in der überschaubaren, aber dafür um so gemütlicheren „Prinzenbar" nahe der Hamburger Reeperbahn. Als wären wir von 1986/87 ohne Umschweife und lästige Unterbrechungen direkt nach 2005 gesprungen, gedachte ein so zufriedener wie erhabener Künstler in mehr als 20 musikalischen Perlen dem „Gestern" und dem „Heute" gleichermaßen. Begleitet von vier freundlich, aber durch und durch druckvoll agierenden Musikern – dr, b, key, git -, davon je zwei nachgewachsene Neulinge und zwei alte Freunde, die den Frankfurter Songschreiber schon vor 18 Jahren in der Markthalle begleitet hatten, gelang Alan Woerner das eigentlich Unmögliche: Er verband die nicht immer leichtverdaulichen Songs aus „109" ohne jeglichen Stilbruch mit seinen Klassikern aus der Hochphase von Yuppietum und Neuer Romantik. Manchem 80er-Opus nahm er auf gekonnte Weise alles Süßliche, Kommerzielle, Überfrachtete, was damals einfach dazugehörte, aber heute arg unverständlich wirkt; im Gegenzug streiften viele aktuelle Lieder „live" das Rauhe, Krachige, leicht Destruktive ab, was Rockmusik des neuen Jahrtausends nun einmal ausmacht. Abwechselnd zauberte Woerner jeweils einen alten und einen neuen Song hervor. Störende Brüche gingen hierbei nicht vonstatten, alles wirkte wie aus einem Guß. „Marmorherz", ein prickelnder Hymnus aus erwähnter 86er-LP „Eins plus Eins", präsentierte sich 18 Jahre später als harscher, treibender Rocker, während Aktuelles der Sorte „Jack the Ripper", „Verzeih mir" oder „Glaubst Du an mich" genau jene Prise Romantik, Harmonie und Leichtigkeit verabreicht bekam, die in der rohen, oft etwas kühl wirkenden Studioeinspielung nicht selten fehlte. Plietsche Beck-Zitate („Vermasselt") paarten sich mit breitflächigen Oden auf die seinerzeit geteilte, spätere Bundeshauptstadt („Wie Berlin"), das spektakuläre Verbrechen kam in seiner vollständigen Pracht genauso zum Zuge („Rififi"), wie der dunkel-düstere „Nachtflug" oder der selbstkritische „Hurensohn". Intensiv und gefühlvoll ließ Woerner seine Geburtstagsfeier vom 27. September 1985 Revue passieren („27. September - Ich denk an Dich"), malte exzentrische Bilder über Tod und Wiedergeburt „In Picasso", zerbarst in „Fernweheinsamkeit" oder forderte seine Geliebte in bester Rio-Reiser-Tradition auf „Komm, wir schwimmen zum Mond" – von den breiten Massen leider unentdeckte Kabinettstückchen deutschsprachiger Popmusik, denen man im kraftvollen Livegewand kaum anmerken konnte, ob sie nun 1984/85 oder 2004/2005 entstanden waren.
Nach mit feinsten Popklängen prallgefüllten 90 Minuten, die tatsächlich vergingen wie im „Nachtfluge", führten Woerner und seine gut eingespielte Truppe zwei bislang unveröffentlichte Songs auf. Da wäre zum einen die schnelle, eingängige Westcoast-Popnummer „So unendlich lieb ich Dich" - wehende Akustikgitarren und ein perlendes Piano erinnern den 80er-Fan an Bob Seger, den überzeugten Zeitgenossen des „Hier und Jetzt" vielleicht an Adam Green – und zum anderen „Tanz den Haß weg", ein rhythmusbetontes Statement gegen Fremdenfeindlichkeit, das Alan Woerner zusammen mit seinem Freund und großen Vorbild Rio Reiser kurz vor dessen frühem Tod 1996 geschrieben und aufgenommen hatte. Zwei Ohrwürmer mit Hitpotential, deren vernünftige Vermarktung bestimmt dazu beitragen könnte, daß zum nächsten Hamburger Auftritt Alan Woerners nicht nur 50, 60 Zuschauer erscheinen, sondern womöglich das Zehnfache, gar 20fache an Publikum aufläuft.
Die in der „Prinzenbar" versammelten Beinhart-Fans zeigten sich vom Gebotenen schlicht hin und weg. Zwei Zugaben – die aus den 80ern stammenden Monumentalballaden „Denn Du liebst doch nur die Liebe und nicht mich", einst entstanden in Kooperation mit Rockchansonette Ulla Meinecke, und „Die Sterne tanzen zwischen uns", eine der denkwürdigen Gemeinschaftsarbeiten von Alan Woerner und Rio Reiser - stellten die jubelnde Fangemeinde noch längst nicht zufrieden, so daß die Band außerplanmäßig nochmals ihre „Erkennungsmelodie", den verpoppten Ton-Steine-Scherben-Emotionsausbruch „Laß uns ein Wunder sein", im Herbst 1984 erstes mutiges Lebenszeichen des damaligen Mitt-20ers Alan Woerner, zur Freude aller zelebrierte. Die beiden „echten", damals oft im Radio gespielten Hitsingles „Warten... bis irgendwas passiert" (1985) und „Die offene See" (1986) kamen dagegen an diesem Abend überhaupt nicht vor. Dies zeigt erneut, daß Alan Woerner niemals ein Künstler war, der sich auf ein, zwei Lieder mit tausendfachem Wiedererkennungswert reduzieren lassen wollte, sondern stets danach strebte, sein gesamtes Repertoire anerkannt zu wissen.
Alan Woerner ist 2005 zwar nicht mehr der vor Schaffensdrang, radikaler künstlerischer Unruhe und durchaus einer Portion Naivität nur so strotzende Wunderknabe, der den grauen Realitäten des Popbusiness bei näherem Hinsehen vielleicht gar nicht gewachsen ist, sondern weitaus eher ein reifer, eigenständiger und lebenserfahrener Rockpoet, der ganz genau weiß, wovon er singt, und das meiste von dem, was er in so schöne, einprägsame Worte gefaßt hat, auch selbst durchlebte und durchlitt. Manch großartig anvisiertes Comeback eines 80er-Künstlers in der letzten Zeit mag sich als Luftnummer erwiesen haben. Alan Woerner hingegen hat die große Chance, 18/20 Jahre nach seinen grandiosen Anfängen, nochmals so richtig durchzustarten. Gewitzter, ausdrucksstärker, aussagekräftiger und ehrlicher als all die jungen, nachgewachsenen Deutsch-Pop-Helden der Jetztzeit ist er allemal. Diese kaum zu widerlegende Tatsache hat auch sein Hamburger Konzert vom vergangenen Sonntag anstandslos bewiesen.
Quelle: Holger Stürenburg, 17./18. April 2005
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